2015 Kay Heymer
Bewahrte Zeit
Die Papierräume von Nora Schattauer

In den Arbeiten von Nora Schattauer ist zunächst nichts Aufdringliches, nichts besonders Auffallendes zu sehen. Auf den ersten Blick wirken ihre Papierarbeiten wie serielle, sorgfältig mit der Hand gemachte Zeichnungen oder Aquarelle. Im ästhetischen Feld ist die formale Rhetorik derartiger Werke von postminimalistischen Künstlerinnen und Künstlern wie Sol LeWitt, Eva Hesse oder Brice Marden bekannt und vertraut. Die Farbigkeit der Papierarbeiten von Nora Schattauer ist zurückgenommen, Helligkeit und geordnete Klarheit herrschen vor. Schaut man jedoch genau hin, ändert sich vieles. Der Eindruck von Ruhe und abgeklärter Langsamkeit verstärkt sich noch, und was zunächst deutlich und einfach zu sein schien, beginnt sich zu entziehen, und zwar umso mehr, je länger man schaut.

2013 Ludwig Seyfarth
Fleck und Raster
Ursprünge des Flecks als Bildmuster, Grids und etwas aktuelle Kunsttheorie, Aquarell-Ähnlichkeit und angehaltene Bewegung
Text in der Publikation "Stills", Berlin 2013

Nora Schattauer generiert einen systematisch vorgezeichneten Bauplan, in den sie Stoffe einträgt, mit denen die Natur gleichsam weiterzeichnet.

2013 Ludwig Seyfarth (englisch)
Stain and Grid
Text in the publication "Stills", Berlin 2013

Wie Aquarelle nehmen Schattauers Bilder eine Art Zwischenstellung zwischen Zeichnung und Malerei ein...Letztlich kombiniert Nora Schattauer die mathematische Regelhaftigkeit des Rasters mit der offenen, prozessualen, assoziativen und transparenten Natur des Flecks. Die strenge Geometrie des Rasters wird verzogen und verflüssigt. Damit unterläuft ihre Kunst auch andere Grenzen: zwischen dem Linearen und dem Malerischen, zwischen konstruktivistischer und informeller Abstraktion, zwischen Darstellung und Selbstabbildung der Natur.

2013 Reinhard Ermen
Das Bild passiert
Wie das Bild passiert, Bildgebung aus Prozessen, zwischen konstruktiver Anlage und organischen Abläufen, autonome Eigentlichkeit der Materialien
Text in der Publikation "Stills", Berlin 2013

2013 Reinhard Ermen (englisch)
The Picture Happens
Text in the publication "Stills", Berlin 2013

Die lineare Arbeit vollzieht sich im Ungefähren, sie legt Zeugnis ab von einer gewollten, aber nicht gesehenen Spur... Manchmal erscheint sogar die Rückseite eines Blattes wie eine Offenbarung, denn der Vorgang ergreift in der Regel Besitz vom ganzen Volumen eines Papiers: In gewisser Weise entstehen Objekte... Das Bild passiert, doch es entwindet sich nicht aus den Händen der Künstlerin... Ein Restgeheimnis umgibt von jeher den Umgang mit Erden, Sulfaten und Salzen. Vielleicht ist das eine Art konstruktiver Surrealismus, der konzeptionell beruhigt, ja beaufsichtigt wird.

2011 Christiane Stahl
Durch die Oberfläche der Bilder hindurchgeschaut
Entstehungsprozess der Werkgruppe "Silberblätter" auf Papier, Chemische Reaktionen mit Silbernitrat, Tropfen und Gitterordnung im Blatt, Sichtbar gewordene Fliesskräfte, Mikrostrukturen und Poiesis
Text in der Publikation "Silbern", Berlin 2011

2011 Annelie Lütgens
Wahrnehmung
Die Betrachtung feingliedriger Oberflächen, lichtes Aufscheinen von, Farbe, Assoziationen an Glanz von Silber, Helligkeit, Seestachelbeere, greifbare Naturformen, Fragen zur Formwerdung auf Papier
Text in der Publikation "Silbern", Berlin 2011

2011 Simone Reber
„Von ihrer optischen Mitte dehnt sich die Flüssigkeit aus. Die haarfeine Membrane eines Trofens stößt an die weiche Wand des nächsten, so dass sich im Zusammenprall neuartige Zellgebilde formen. Mal erinnern sie an Schlangenschuppen, mal an Bienenwaben, mal an die rissige Erde, die in der Dürre feine Linien bildet...Beharrlich forscht Schattauer nach dem Kern, der die Welt in ihrem Inneren zusammenhält. Ihr eigenwilliger Weg führt sie hinein in die hauchzarten Formationen, in die winzigen Energiezentren der Existenz. Mit wissenschaftlicher Akribie lässt sie den Zufall agieren und findet im vermeintlichen Chaos einen strahlenden Gleichklang.“
Tagesspiegel Berlin 2011

2011 Eugen Blume
Alchimie
Deutung von Silber als leises, metallisches Material, Verbindung zu Joseph Beuys, Der Materialsinn in der Kunst, Nähe zur Alchimie, dem Labor der elementaren Verbindungen mit geistigem Grund, Wie sich die Werke im Arbeitsprozess ereignen, substantielle Durchdringung der Bildoberfläche
Text in der Publikation "Silbern", Berlin 2011

Sie hat aus der Kenntnis der chemischen Prozesse heraus eine eigene Sprache entwickelt, deren Gestalt sie ahnen, aber nur bedingt steuern kann. Hierin ist sie der Alchimie nahe, diesem mystischen Labor der elementaren Verbindungen mit ihrem geistigen Grund. Die Prozesse der Materie sind uns im allgemeinen verborgen, nur dem wissenschaftlich forschenden Auge sind die mikroskopisch kleinen Konstellationen sichtbar, weit entfernt von jeder ästhetischen Ausdeutung. Die Künstlerin ist keine Wissenschaftlerin, auch wenn sie sich Kenntnisse über ihr Material verschafft, die weit über das normale Wissen hinausreichen, bleibt ihr Ziel irrational. Nora Schattauers Bilder entstehen nicht aus der Erregung des über die Hand sichtbar werdenden Gefühlshaushaltes des Künstlers. Sie sind bedachtsame, beinahe zärtliche Infiltrationen, deren Substanzen mit dem Papier eine »chymnische« Vermählung eingehen. Die silbrigen Farben werden aus Metallsalzen (nicht aus Pigmenten) gewonnen, deren innere Ordnung erst das Papier sichtbar werden lässt. Es handelt sich gleichsam um einen Bildprozess, der aus der Tiefe seiner Sichtbarkeit entgegen wächst...Die Bildoberfläche, soweit sie denn vorhanden ist, erscheint als untrennbare Einheit von Material und seiner völligen substantiellen Durchdringung.

2008 Kay Heymer
Strömungen
Fliess-Zeichnungen, Fliess-Charakter der Linie, Verfahren der Blindzeichnung durch Kohlepapier, mehrschichtige Indirektheit der Zeichnung
Text für das gedruckte Künstlerbuch "Wasser ?", hrsg. vom Museum Weserburg Bremen

„In der ihnen eigenen Diskretion vermitteln die Zeichnungen einen Bewegungsimpuls, eine Illusion – einen Schwebezustand, durch den sie ein gesteigertes Gefühl von Gegenwart, von Anwesenheit ausstrahlen... Diese Zeichnungen sind interessant, weil sie nicht gezeichnet wirken. Sie sind gekennzeichnet von einer eindringlichen Unabsichtlichkeit. Allein ihre Gegenwart und ihre Bewegtheit zählen.“

2008 Michael Glasmeier
Handlung und Materie
Kategorien von Künstlerbüchern, Definitionsfragen, Wahrnehmungs-Strategien, Rolle von Handwerk, Blätternd Sehen, die Materialität des Buches, Natur, Wunderkammern, Anschaung, Differenz
Vortrag im Studienzentrum Künstlerbücher des Museum Weserburg im Rahmen der Ausstellung von Nora Schattauer

2008 Arnulf Marzluf
Bewegte Formen
Künstlerbücher, Blindzeichnungen, Grenzlinie zwischen Selbst und Nicht-Selbst, Strukturbildung, Elastizität
Text für den Weserkurier Bremen, 5.September 2008

„Es gibt eine Grenze, das ist die Führung durch bewusstes Zeichnen, und dann kommt die Entgrenzung, die Unschärfe des motorischen Verhaltens der Hand, die nicht wissen kann, wo sie soeben genau gewesen ist. Der alte künstlerische Prozess des Zeichnens wird so entkoppelt und auf dem Blatt Papier wieder zusammengeführt. Die Gebilde faszinieren durch den hohen Freiheitsgrad, unter dem sich die Bildelemente atmend subtil organisieren. Subtil deshalb, weil kleinste Bewegungen und Abweichungen von der bewusst geführten Spur das Gesamtbild ausmachen, weniger, weil die Künstlerin subtil arbeitet. Dieser Unterschied ist deshalb wichtig, weil die Arbeiten Nora Schattauers auf der Grenzlinie zwischen Selbst und Nichtselbst entstehen. Das "objektive" Material, das seine eigenen Kräfte mitbringt, spielt einen wesentlichen Part in dieser Kunst.“

2008 Tim Schomaker
Nah am Wasser gemalt
"Gefasste Form“: Nora Schattauers Künstlerbücher in der Bremer Weserburg
Künstlerbücher, Fotobücher, Fliesszeichnungen, Wasser-Darstellungen
Text in der Kreiszeitung Bremen, September 2008

2007 Michael Glasmeier
Augen, Hand, Buch
Die Unikat-Künstlerbücher, Chemische Prozesse im Buch, Detail-Beschreibungen, Farb- und Form-Ereignisse, dem Material vertrauen
Text für das Buch "Prima Vista, Künstlerbücher von Nora Schattauer", im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg

„Nora Schattauer, die mit ihrem Bildern chemische Prozesse unterschiedlichster Materialien auf speziellen Bilderträgern nicht abbildet, sondern initiiert und geschehen lässt, um so Bildwerke zu schaffen, die ihre eigenen, blühenden Kräfte wundersam zur Schau zu stellen. Mit ihren Unikatbüchern werden wir langsamer. Es ist nicht mit einem schnellen Blättern getan, auch die sorgfältige Machart verbietet das.“

2007 Marc Pesch
„Nora Schattauer ist eine Künstlerin, welche die Malerei an ihre Grenzen treibt. Es ist ihre experimentelle Offenheit, die Fotografien von Wassertropfen oder „Blindzeichnungen“ auf Kohlepapier, die beim Blättern beeindruckt.“
KunstbuchAnzeiger 2007

2007 Maria Linsmann
Gedankenbücher und Leerbücher
Reflexion des Mediums Buch, Vorstellung einzelner Werkbücher und Zeichenbücher
Text für das Buch "Prima Vista, Künstlerbücher von Nora Schattauer", im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg

2006 Jens Peter Koerver
Malerei, Metamorphose, Natur
Das Labor der Bilder, Kontext zur zeitgenössischen Malerei, der malerische Entstehungs-Prozess
Text für das Buch "Kristalline Bilder", Salon Verlag Köln

2006 Ulli Seegers
Vom Beginn und vom Ende der Kunst
Malerei mit der Pipette, Autopoietische Kraft, Gitterstrukturen im Bild, Wechsel von Actio und Passio, Alchimie
Text für das Buch "Kristalline Bilder", Salon Verlag Köln

2006 Christoph Danelzik-Brüggemann
Spuren legen. Nora Schattauers Zeichnungen
Zeichnerisches experimentelles Vorgehen, Aufgabe von Kontrolle im Zeichenprozess, Grundform des Ypsilon
Text für das Buch "Kristalline Bilder", Salon Verlag Köln

2006 Tanja Langer
Malen mit der Pipette
Aktivität des Tropfens auf der Leinwand, nichtgemalte Malerei, Farbe Blaugrün, Mikrostrukturen und Lilienpollen
Bild-Essay für die Zeitschrift Natur + Kosmos

2004 Wibke von Bonin
Einführungsrede zur Ausstellung im Kunstraum Chelsea
Werkgruppe "Ausblühungen", Serielle Bild-Ordnung, Variations-Reihen, Haeckel, Schopenhauer, Schönheit
Einführungs-Rede zur Ausstellung im Kunstraum Chelsea, Köln

2004 Thomas Hirsch
Mit der Nähe, aus der Distanz
Bildgruppe "Ausblühungen", Indirektheit der Farbbildung, Rekurs zur Werkgruppe Kautschuk, Bezüge zur Alchimie, Nähe zur Zeichnung
Text für das Buch "Ausblühungen", hrsg. vom Kunstverein Cuxhaven

2004 Stefanie Kreuzer
"Ausblühungen"
Werkgruppe "Ausblühungen", Beobachtung der Bilddetails, biomorphe Assoziationen, Feinstrukturen
Text für das Buch "Ausblühungen", hrsg. vom Kunstverein Cuxhaven

„Aus diesem begrenzten Repertoire der zur Verfügung stehenden Mittel, nämlich die Kreisform des Tropfens, die Wiederholung sowie die Reihung und Staffelung und das Überlagern der Tropfen, hat Nora Schattauer eine ganze Bandbreite von Variationen und Formationen geschaffen, die einerseits elementare künstlerische Gestaltungskriterien hinterfragen – wie beispielsweise Raum und Zwischenraum – und andererseits die Sehgewohnheiten des Betrachters und mithin seine Beobachtungsgabe herausfordern wollen. Und in diesem Moment der Beobachtung der feinen und zarten Details taucht die Frage nach dem „wie“, dem Prozess des Entstehens, auf.“

2004 Franziska Münch
Scheinbares Chaos - die Formenwelt von Nora Schattauer"
Arbeit mit Flüssigkeiten, chemische Gesetzmässigkeiten, Frage der Ästhetik
Bild-Essay für das Magazin "futuro", Kunstzeitschrift in deutsch und italienisch, Schweiz

2003 Gérard G. Goodrow
Dem Gras beim Wachsen zuschauen
Künstlerisches Forschen, Aufmerksamkeit, Empathie, Bezug zu Natur-Strukturen
Text für die "Kölner Skizzen", Hauptartikel "Nora Schattauer"

2002 Christina zu Mecklenburg
„Strukturen des Verborgenen“ sind einzigartige, nicht wiederholbare, in ihrer Ästhetik bestechende Kompositionen. Ausgelotet werden sie – in der künstlerisch umgesetzten Manier einer Naturkundlerin oder philosophisch orientierten Alchimistin, um „Ursprünge und Entwicklung der Materie“ (Schattauer) ans Licht zu holen.“
Bonner Generalanzeiger 2002

2001 Elke Gruhn
Zwischen Naturwissenschaft und Kunst, Bezüge zur Alchimie und zu dem Dichter Novalis
Katalog zur Ausstellung im Kunstverein Wiesbaden "Perspektiven des Langsamen"

„Die Künstlerin arbeitet zwischen den zwei Polen der steuernden Beherrschung und des akzeptierenden Entstehenlassens. Sie schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb derer ein Bild sich entwickelt und schließlich zur Ruhe kommt... In Nahsicht, (Zeit-)Lupen oder mikroskopischer Vergrößerung lenkt die Künstlerin den Blick auf das Detail.“

2000 Thomas Kliemann
„Unternehmen Ursuppe könnte man das Projekt der Kölner Künstlerin Nora Schattauer betiteln. Jedenfalls vermitteln ihre Bilder die Suggestion, bei den ersten Schritten der Evolution dabei gewesen zu sein... Es entstehen das Papier durchdringende, schöne, samtig anmutende Bildräume, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Gleichsam wuchernde Zellgewebe, zarte Blütenformen, bizarre Strukturen wie unter dem Mikroskop.“
Bonner Generalanzeiger 2000