Tim Schomaker
Nah am Wasser gemalt
"Gefasste Form“: Nora Schattauers Künstlerbücher in der Bremer Weserburg

Gewiss, der biographische ist nicht immer der beste Weg, ein Werk zu ergründen. Das gilt auch für Nora Schattauer. „Ich habe mein erstes Lebensjahr auf dem Wasser verbracht“, sagt die 1952 geborene Künstlerin. Der Vater war Schiffsingenieur. Noch heute lebt sie in Köln – am Rhein. Eine Auswahl ihrer Künstlerpublikationen ist derzeit in der Weserburg zu sehen. Im Museumsnamen ist das Wasser ebenso präsent wie in fast allen Exponaten. Doch reichen Flussläufe, Wohnorte und Vaterberufe nicht hin, die Frage zu beantworten: Warum immer (wieder) das Wasser?
Auf das Fragezeichen reagiert Schattauer in einer aktuellen Serie von Zeichnungen ihrerseits mit einem Fragezeichen. „Wasser?“ heißt ein kleines Heft, das zur Werkschau des Studienzentrums für Künstlerpublikationen in der Weserburg erschien. „Lässt sich Wasser zeichnen?“, steht als Frage neben den Originalen hinter Glas. Ähnelt der Gedanken des berühmten Heineschen Gedicht-Ichs am blassen Meeresstrande in der Abenddämmerung: „Und die weißen, weiten Wellen, / Von der Flut gedrängt, / Schäumten und rauschten näher und näher – / Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen, / Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen“. Kein Wasser, Worte. Klar. Genau wie Schattauers blind gezeichnet über einander gestapelte Linien auf dem Durchdruckpapier keine Wellen hinterlassen, sondern „Wellen“. Eine, sagen wir: Meditation auch über die alte Frage: Wie (und wie nah) komme ich eigentlich ran an etwas da draußen in der Welt.
In diesem Fall eben an die Welt des Wassers. Schattauers Zugänge sind sehr verschieden. Gelegentlich taucht aus der Kunst Geborgtes auf. Sie habe Wellenlinien und Wasserdarstellungen gesammelt, sagt Schattauer. Wie der Kunstwissenschaftler Aby Warburg in seinem „Bildatlas“ Faltenwürfe. Die meisten Exponate aber sind gemalt, gezeichnet oder fotografiert. Zusammen dokumentieren die Bücher und Hefte gut zehn Jahre Recherchearbeit in Sachen Form, Struktur und Materialität von Wasser. Sechs Foto-Unikatbücher stellen der sanften wogenden Oberfläche des an der Küstenlinie millimeterhoch auflaufenden Wassers die ungeheure Gespanntheit von Tropfen oder die fotografisch isolierte grelle Chaos-Struktur des fallenden Wassers (aufgenommen auf der Brautbrücke unweit des Ausstellungsortes) gegenüber.
Vom Objekt der Abbildung zum Co-Subjekt des Herstellungsverfahrens wird das Wasser in Arbeiten wie „Farbnetze“ oder „Lösungen“. Mit der Pipette als „Pinsel“ gibt Schattauer gelöste Mineral-Salze auf Papier. Erst nach und nach erhält diese chemische Malerei die endgültige Farbe und Kontur. „Ich will immer dabei sein, wenn etwas wird. Darum inszeniere ich den Prozess, in dem Farbe und Form erst entstehen“, erläutert Nora Schattauer. Angefangen habe sie mit Strukturen und sich „dann zur Fläche entwickelt“.
Durchwandert man die wenigen Ausstellungs-Quadratmeter auf der Weserburg-Galerie – sie sind angenehm frei von „maritimer“ Motivik –, so sieht man nicht nur die „Topographie (Kämme, Täler, Ebenen, Hänge)“ der „flüssigen Landschaft“, wie es in der Arbeit „Fliesstext“ heißt. Das Wasser-Motiv setzt sich wie von selbst in alle Richtungen fort. Bis man auch auf Fotos von winddurchkämmten Weizenfeldern oder in filigranen Zeichnungen botanischer Verästelung das Wasser entdeckt. In Form-Analogien – oder, gleichsam untergründig, als Transportsystem in den unsichtbaren Bahnen unter der zarten Rinde. In diesem Sinne ist der Zweig selbst – dem Ausstellungstitel entsprechend – eine „gefasste Form“.
Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober in der Weserburg, Teerhof 20, zu sehen

Text für den Weserkurier Bremen, 5.September 2008