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Arnulf Marzluf
Bewegte Formen
Nora Schattauers Künstlerbücher in der Weserburg

Im Übergang vom Buch zu den neuen Medien entdecken Künstler die Dynamik, die im Erscheinungsbild von Büchern stecken - dem Bild einer Seite, die in Korrespondenz zu anderen Seiten tritt, das Spiel der Vorder- und Rückseiten und der prozesshaften Abfolge der Blätter. Für die in Köln lebende Nora Schattauer, die die Weserburg vorstellt, ist jedoch auf eine tiefer greifende Weise das Prozesshafte wesentlich. Gestalten keine Ideenabbilder, sie sind geworden. Damit nimmt Schattauer eine Position ein, die vom klassischen Bild Abschied genommen hat und dem Werden entscheidenden Wert beimisst. In ihren "Blindzeichnungen" kommt das anschaulich zum Ausdruck.
Bei geschlossenen Augen imaginiert sie Wasser und zeichnet schwingende Linien auf Kohlepapier, dessen schwarze Partikelspuren sich auf hellem Papier abbilden. Die Linien formieren sich nur durch einen Zustand, die Hand wird nicht durch Sichtkontrolle geführt. Es gibt eine Grenze, das ist die Führung durch bewusstes Zeichnen, und dann kommt die Entgrenzung, die Unschärfe des motorischen Verhaltens der Hand, die nicht wissen kann, wo sie soeben genau gewesen ist. Der alte künstlerische Prozess des Zeichnens wird so entkoppelt und auf dem Blatt Papier wieder zusammengeführt. Die Gebilde faszinieren durch den hohen Freiheitsgrad, unter dem sich die Bildelemente atmend subtil organisieren. Subtil deshalb, weil kleinste Bewegungen und Abweichungen von der bewusst geführten Spur das Gesamtbild ausmachen, weniger, weil die Künstlerin subtil arbeitet Dieser Unterschied ist deshalb wichtig, weil die Arbeiten Nora Schattauers auf der Grenzlinie zwischen Selbst und Nichtselbst entstehen. Das "objektive" Material, das seine eigenen Kräfte mitbringt, spielt einen wesentlichen Part in dieser Kunst.
Die Oberflächenspannung von Wasser ist solch eine Kraft, die Schattauer nutzt, wenn sie mittels einer Pipette Tropfen auf Papier aufträgt, sich dann Nachbarschaften von Tropfen bilden, die miteinander "auskommen" müssen und sich in einer Struktur einrichten. Sie arbeitet auch mit Mineralsalzlösungen, die den Verlauf von Farben und Formen beeinflussen. An dem Werk sind am Ende zwei Seiten beteiligt: Natur und Künstler, Objekt und Subjekt in schöner Balance, was den Arbeiten Schattauers immer wieder eine eigene Kraft verleiht und den Betrachter in eine eigenartige Position
versetzt: Die Freiheiten, die die Natur sich bei der Bildung der Bilder herausnimmt, wirken bei der Betrachtung wohltuend wie der Zug einer Wolke.
Man wird vom künstlerischen Subjekt nicht mit Aussagen bedrängt, sondern eingeladen in Prozesse der Beobachtung der Natur. Die Dynamik der Prozesse, aus denen fix und fertige Bilder entstehen, wird auf der formalen Ebene des Buches wieder aufgenommen, wenn die Seiten verschiedene Varianten zeigen als seien es Stationen. Erzählte das Buch seit dem Mittelalter Geschichten in Bild und Schrift, so sind es hier Geschichten der Natur im Kleinen und Kleinsten, die die Künstlerin anregt und quasi als deren Erzählerin in Erscheinung tritt. Wasser ist das zentrale Element, mit dem Nora Schattauer sich immer wieder gern einlässt. Wasser wirkt sozusagen auf sich selber ein, wenn es sich bewegt, zu Wellen auftürmt, Täler und Strudel bildet. Wasser ist wohl ein typisches Element für Einwirkungen von Prozessen auf sich selber, aus denen Gestalten hervortreten, sich organisieren. Wenn Schattauer blind zeichnet, dann das Bild sieht, verändern sich die fertigen Bildzustände im Laufe der Zeit. Die ersten Zeichnungen sind tastender, von "harmonischem Chaos", die jüngsten fester strukturiert. Der innere Sinn wird beim Zeichnen affiziert, er "lernt", macht selber einen Prozess durch, und man spürt diesen Lernvorgang als unbewusst sich vollziehende, präziser werdende Strukturbildung. Es ist, als trete das Nervensystem langsam mit Automatismen in Erscheinung. Nora Schattauer sucht dann andere Wege, um die kunstvolle Elastizität nicht erlahmen zu lassen. Die Arbeiten haben alle einen blinden Fleck, der vom Betrachter ausgefüllt werden muss. Wenn er identisch wirkende Fotografien von bewegtem Wasser zu sehen bekommt und aufgefordert ist, sich mit Unterschieden zu befassen, die vielleicht erst auftreten, wenn er immer wieder dasselbe Bild zu sehen bekommt - die Beobachtung zu schwimmen beginnt. Bis 26. Oktober. Ein Künstlerbuch ist in limitierter Auflage erhältlich.

Text für den Weserkurier Bremen, 5.September 2008