Kay Heymer
Strömungen


Die dicht neben- und übereinander verlaufenden Linien in den Zeichnungen von Nora Schattauer erzeugen unmittelbar den Eindruck einer sanften Strömung. In der ihnen eigenen Diskretion vermitteln sie einen Bewegungsimpuls, eine Illusion – einen Schwebezustand, durch den sie ein gesteigertes Gefühl von Gegenwart, von Anwesenheit ausstrahlen.

Diese Zeichnungen sind gegenwärtig, entziehen sich aber auch gleichzeitig. Sie sind in mehrfacher Hinsicht indirekt. Sie wurden nicht direkt aufs Papier gebracht, sondern mit Hilfe von Durchdruckpapier (gewöhnlich auch als Durchschlagpapier bekannt, eine Papierart, die man in einer Zeit vor der Ära von Kopiergeräten Durchschläge maschinengeschriebener Schriftstücke anfertigen konnte, indem man mehrere Lagen Papier gleichzeitig in die Schreibmaschine einspannte). Ihr Status ist daher uneindeutig, eröffnet eine neue Realitätsebene zwischen Zeichnung und Monotypie. Die unzählbare Masse äußerst feiner Linien, deren Verlauf in etwa dieselbe Richtung nimmt – ungefähr am Horizont orientiert durchqueren die Linien fast die gesamte Breite eines Blattes. Die Linien liegen dicht nebeneinander, verdichten sich zeitweilig zu Zonen, die man jedoch nicht als gedanklich konzipierte Linienbündel bezeichnen kann. Ursprung und Ziel der Linien bleiben unbestimmt. Diese Zeichnungen sind interessant, weil sie nicht gezeichnet wirken. Sie sind gekennzeichnet von einer eindringlichen Unabsichtlichkeit. Allein ihre Gegenwart und ihre Bewegtheit zählen. Wie ein leichter Wind die langen Grannen der Ähren eines Gerstenfeldes in wellenförmiges Schwanken versetzt, so sind die Linien dieser wie entstanden wirkenden Strichlagen in einem langsamen Fluss oder Strom befangen. Auf die Vorstellungswelt des Wassers bezogen, lassen sie sich als Metapher für Wasserpflanzen lesen. Auch im Hinblick auf das Element Wasser sind diese außergewöhnlichen Blätter also indirekt, indem sie Objekte zeigen, die durch die Bewegtheit dieses transparenten, schwer darstellbaren Mediums ihrerseits in Bewegung versetzt werden. Wasser dominiert die Vorstellungswelt der Künstlerin, wenn sie diese Zeichnungen macht. Das Wasser ist ein Ausgangspunkt, der allerdings nicht als einzig mögliche Lesart zu sehen ist. Der elementare Charakter ihrer zeichnerischen Tätigkeit ist offen für andere Assoziationsfelder und Deutungen. Der zeichnerische Prozess ist beschreibbar als eine rituelle, meditative Handlung, in der weniger visuelle Kontrolle als vielmehr rhythmische Wiederholung bestimmend ist. Es handelt sich um Blindzeichnungen, jedoch nicht um programmatisch explizite Blindzeichnugnen wie jene des österreichischen Malers Arnulf Rainer. Auch hier sind Nora Schattauers Zeichnungen von einer angenehm diskreten Indirektheit. Blind zeichnen wird als legitime Option zeichnerischen Handelns eingesetzt, als Tätigkeitsfeld, in dem meditative Wiederholungen unverstellt möglich werden, ohne das aller Ausdruck auf diese Geste gelegt werden muss. Diese Zeichnungen besitzen eine Selbstverständlichkeit und existenzielle Normalität wie das Atmen, wie Essen und Trinken.

Die mehrschichtige Indirektheit dieser Zeichnungen steigert ihre Präsenz, macht die wechselvolle Beziehung zwischen Flüchtigkeit und Fassbarkeit besonders nachvollziehbar. Ihre Wiederholung innerhalb des architektonischen Raumes eines Buches wirkt als weitere Verstärkung der Kraft dieser Zeichnungen ohne Handschrift. Sie verkörpern Wasserströmungen als natürliches Phänomen und greifen so in ein Stadium vor der Ikonographie des Wassers voraus. Der betrachtende Nachvollzug dieser Strömungen kann im Medium des Buches besonders gut eingelöst werden, da hier das konzentrierte Sehen in größtmöglicher Nähe zum Papier am einfachsten möglich ist – ohne trennende, gläserne Rahmen. Das Changieren zwischen Materialität und ephemerer Vision, zwischen Abdruck und gezeichneter Spur macht den unwiderstehlichen Reiz dieser Arbeiten aus. Sie reflektieren das Medium der Zeichnung und definieren es im Vollzug dieser Reflektion jedes Mal neu. Das macht sie gültig und nahezu zeitlos.

Wasser ist ein Grundelement, der entscheidende Faktor für die Möglichkeit menschlichen Lebens, des Lebens überhaupt. Das Überleben des Menschen hängt seit jeher vom Wasser ab. Schon immer hat der Mensch seiner Faszination und Ehrfurcht vor dem Wasser Form gegeben. Eines der frühesten abstrakten Zeichen im Formenschatz der Menschheit ist die Wellenlinie – eine Chiffre für Wasser in Bewegung, die bereits auf frühneolithischen Keramiken auftaucht. Doch von diesen frühesten Symbolen für das Element Wasser bis hin zur Moderne – man kann an die Nymphen Gustav Klimts im Strom als eines von zahllosen Beispielen denken – dominiert in der Auseinandersetzung der Künstler mit diesem Thema die Ikonographie der Darstellung, sei sie nun symbolisch oder mimetisch. Nora Schattauers Zeichnungen scheinen dieses Wissen vollständig akkumuliert zu haben und greifen nun auf eine Ebene vor, in der die Eigenschaft des Wassers sich direkt verkörpert – sie ereignet sich im Nachvollzug der unabsichtlichen, kaum gesteuert wirkenden zeichnerischen Gebärde der Künstlerin. Das betrachtende Nachvollziehen dieser Gebärde läst sich sprachlich einkreisen, wenn man sich wie in einem Handbuch für Synonyme („Sag es treffender !“) die vielseitigen Formen des Fließens, Strömens oder Rinnens ins Gedächtnis ruft; Wasser kann fließen, strömen, rinnen, fluten, triefen, rauschen, laufen, wogen, wallen, rieseln, sich ergießen, sprudeln, quellen, glucksen, plätschern, gurgeln, tröpfeln, tropfen, drippeln, träufeln, lenken, sickern, perlen, kullern, tränen, nässen. Nimmt man seine Fähigkeit des Aggregatwechsels hinzu, kann es auch gefrieren, verdampfen, kochen, usw. Wie bei jedem Grundelement gibt es auch beim Wasser zahllose Möglichkeiten von Vorstellung und Erscheinung. Für jeden ist Wasser anders. Nora Schattauers Wasser ereignet sich vor den Augen des Betrachters als indirekte Spur seiner Bewegung. Das Wasser sucht sich seinen Weg, sagt man. Es ist in seinem Lauf letztlich unaufhaltsam. Nora Schattauers Zeichnungen erzählen nicht von dieser unaufhaltsamen Kraft des Wassers, sie sind eine unmittelbare und dennoch indirekte Folge dieser Kraft der Strömungen. Sie sind Folgen der Flüssigkeit, ohne die es Leben nicht geben kann. Was kann man noch über Zeichnungen sagen, um ihre Gültigkeit zu unterstreichen?

Kay Heymer

Text für das gedruckte Künstlerbuch "Wasser ?",
hrsg. vom Museum Weserburg Bremen