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Maria Linsmann
Gedankenbücher und Leerbücher

Künstlerbücher, genauer: Das Arbeiten in Büchern hat das Schaffen von Nora Schattauer von Beginn an begleitet. 1992 entstanden ihre ersten Hefte, Durchschläge aus Leinöl auf Papier –sinnliche Abdrücke eines künstlerischen Schaffensvorganges.
Die Bücher bilden eine eigene Werkgruppe innerhalb ihres Oeuvres, sie sind nicht Skizzenbücher und sie dienen auch nicht der Vorbereitung anderer Arbeiten. Vielmehr sind sie als Medium zu begreifen, in dem sie parallel zu ihrem sonstigen Schaffen ihre künstlerischen Ideen und Gedanken formuliert, verdichtet und in anderer Form durchspielt.
Es sind die ganz spezifischen Eigenschaften und Charakteristika des Buches, die dieses für Nora Schattauer als Medium reizvoll machen. Seit jeder boten Bücher ihr Rückzugs-Orte,  abgegrenzt vom Alltag. Die Bedeutung des Buches als Gehäuse prägt auch ihr heutiges Verhältnis zum Buch als Aufenthalts-Ort, als abgeschlossenen Miniatur-Raum und als Schaffensraum. Durch den Akt des Durchblätterns gewinnt das Gebilde Buch eine spezifische Räumlichkeit. Die Bewegung des Umblätterns gibt einen Rhythmus vor, der immanenter Bestandteil dieses Gebildes wird.
Nora Schattauer begreift das Buch als Substrat von Zeit, als verdichtete, gesammelte Zeit, die sich aus der Abfolge der Seiten herauslesen lässt. Und es ist darüber hinaus die spezifische Stille und Intimität des Mediums Buch, die die Künstlerin immer wieder anzieht und herausfordert.
Grundsätzlich gilt es bei den Künstlerbüchern Nora Schattauers zwei Kategorien zu unterscheiden: Da sind zum einen die so genannten „Gedankenbücher“, die in bereits bestehende Leerbücher hineingezeichnet und geschrieben werden. Und auf der anderen Seite gibt es die Gruppe von Büchern, die aus zuvor bearbeiteten Blättern zusammengebunden werden und stärker konzeptuell ausgelegt sind.
Wichtige Beispiele für die erste Gruppe sind die Werkbücher „Gezeichnete Zeit I“ – von Nora Schattauer auch „das Hundertstundenbuch“ genannt- und „Gezeichnete Zeit II“ aus den Jahren 2000/2001 bzw. 2003/2004. Diese umfangreichen Werkbücher entstehen - Kompendien gleich - über einen vergleichsweise langen Zeitraum, in dem sich die Künstlerin langsam, Seite für Seite durch das Weiß der Leerseiten zeichnet und schreibt – diese also gleichsam erobert. Beide Bücher enthalten neben zarten, oft tastenden Bleistiftzeichnungen auch Texte, gefundene und eigene, Niederschriften von Gedanken, Reflexionen der Künstlerin über  ihre spezielle Art des Zeichnens. Im „Werkbuch I“ stehen ihre „Blindzeichnungen“ im Vordergrund – sensible Linien ohne motivischen Bezug, innere Bilder aus den geistigen Vorstellungsräumen der Künstlerin, die in der Bewegung des Stiftes ihren Niederschlag finden und die Ausdruck eines nicht rational gesteuerten „Ziehenlassens“ der Linie sind.
Dominant im „Werkbuch II“ sind Zeichnungen von organischen Formen und Zellstrukturen, die zeichnerische Erkundung von Naturstrukturen überhaupt. Die Untersuchung der Beziehung zwischen künstlerischen - und Naturstrukturen bestimmt auch das sonstige Schaffen der Künstlerin während der Entstehungszeit dieses Buches. Darüberhinaus ist das Wechselspiel zwischen dem Schaffen im Buch und dem sonstigen bildnerischen Werk Nora Schattauers Jahren aufschlussreich und bis heute ein bestimmendes Prinzip ihres Oeuvres. Die zeichnerische Tätigkeit im Buch ist als eine Art Reflexion oder Vertiefung ihres übrigen bildnerischen Schaffens zu begreifen, als explizite Einbettung künstlerischen Tuns in gedankliche Bezüge.
Die leeren weißen Seiten eines bereits gebundenen Buches haben einen besonderen Reiz und eine spezifische Anziehungskraft auf Nora Schattauer. Sie betont die haptische Qualität, die beim Umblättern der einzelnen Seiten eine große Rolle für sie spielt. Gleichzeitig findet sie in der Arbeit in einem bereits gebundenen Leerbuch die Möglichkeit einer Verbindung von Vergangenheit und Zukunft. So repräsentieren die bereits gestalteten und abgeschlossenen Seiten die Vergangenheit, während die leeren, noch vor ihr liegenden Seiten für das Kommende und die Zukunft stehen. Im Schaffensprozess, in der Bearbeitung einer Seite in der Gegenwart, fließt beides zusammen, bilden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit. In diesem Sinne ist die Arbeit am Buch auch als Versuch zu begreifen, Zeit festzuhalten bzw. das Vergehen von Zeit künstlerisch zu manifestieren und sichtbar zu machen.
Die ersten Bücher, die aus einzelnen Seiten zusammengebunden wurden, entstanden Anfang der 90ziger Jahre. Damals beschäftigte sich die Künstlerin mit unterschiedlichen Flüssigkeiten, die sie auf Papiere aufbrachte. Sie erprobte experimentell die Verwendung von Lein- und Asphaltöl, Wachs und Tinte. Das Material mit seiner Inhaltlichkeit gewann in dieser Zeit primären Wert für sie; die Künstlerin ließ nur noch dessen Eigenfarbe gelten und erprobte seine farbliche und sonstige Beschaffenheit auf unzähligen Blättern. Aus dieser Vielzahl von Versuchen wählte sie geeignete Blätter aus, brachte sie in eine Ordnung, eine Abfolge, nähte sie zu Heften zusammen und gab den Einzelblättern damit einen Zusammenhang und einen Rhythmus. Mit dem Akt des Zusammenbindens überführte sie die einzelnen Blätter in einen anderen Aggregatszustand – den des Buches- und fand zugleich eine Möglichkeit der Komprimierung und Verdichtung der einzelnen Blätter. So entstanden in den Jahren 1991 bis 1993 sechs Unikatbücher mit unterschiedlichen Flüssigkeiten. Diesen Büchern, bei denen sich die Differenz der einzelnen Seiten oft nicht sofort, sondern erst bei genauerem Hinsehen erschließt, wohnt ein meditatives Element inne, das durch die gleichmäßige und automatische Bewegung des Blätterns noch verstärkt wird.
Ähnlich wie bei diesen frühen Büchern verfuhr die Künstlerin zehn Jahre später bei der Erstellung einer Gruppe von sechs Heften mit dem Titel „Unzusammengehörige Blätter“. Werkgruppen von Loseblatt-Zeichnungen gehören seit 2002 zum Kern ihrer künstlerischen Arbeit. Insbesondere unter den erwähnten „Blindzeichnungen“ finden sich zahlreiche Blätter, die zunächst eher im Stadium des Herantastens und Versuchens blieben. Mit diesen Blättern begann Nora Schattauer zu spielen und zu experimentieren, sie fügte sie zu überraschenden Kombinationen zusammen. Jeweils zwei halbe Seiten von unterschiedlichen Zeichnungen wurden so zusammengenäht, dass sie auf einer aufgeschlagenen Doppelseite zusammenstoßen, also zu einer neuen Nachbarschaft gelangen mit dem Effekt, dass die Wahrnehmung des Betrachters irritiert und verunsichert, geschärft und sensibilisiert wird.

In ihren Bildern aus Wachs, Latex und Kautschuk, später dann aus den verschiedensten chemischen Substanzen, erprobt die Künstlerin die Reaktionsweisen dieser Stoffe, sie erforscht deren spezifische Eigenschaften und Beschaffenheit. Eine ähnliche Haltung zeigt sie beim Umgang mit den Büchern, die sie aus bereits bearbeiteten Blättern entstehen lässt. Auch hier erkundet sie die Bestandteile und Beschaffenheit des jeweiligen Buches, sie dringt ein in die Frage, wie etwas – in diesem Fall das Buch - entsteht und aufgebaut ist. So hat sie sich im Umgang mit dem Medium Buch - vergleichbar mit ihrem Umgang beispielsweise mit bestimmten chemischen Verbindungen – ein spezifisches Wissen und besondere Kenntnisse angeeignet. Sie stellt nicht nurdie einzelnen Seiten ihrer Bücher her, sondern sie bindet sie in - manchmal in Zusammenarbeit mit einem Buchbinder - selbst zusammen, sie gestaltet die Vorsatzpapiere und den Buchdeckel, den Satz und die Typografie. Sie will wissen, wie das Buch als Ganzes entsteht und zusammenhängt, sie dringt ein in die Materialität und die Materie des Mediums Buch wie aller anderen Werkstoffe, mit denen sie arbeitet. Im Akt des Zusammenfügens eines Buches zu einem Ganzen manifestiert sich der Wunsch nach Zusammenhang und Abgeschlossenheit einer Werkgruppe.

Die Freude am Erkunden und Erfahren, aber auch am Reagieren auf und am Zusammenfügen von Einzelteilen ist wesentliches Charakteristikum aller Arbeiten Nora Schattauers und zugleich wichtiger Antrieb für ihr gesamtes künstlerisches Schaffen. Zudem sind die Künstlerbücher ein Spiegel der Werk-Entwicklung und legen den Zusammenhang offen zwischen den verschiedenen Aspekten: dem Kristallinen, dem Alchimistischen, dem Zeichnerischen und der Beobachtung von Natur-Strukturen. Ihr Werk findet so über die Strukturen des Kunstschaffens hinaus einen Ausdruck für wesentliche Prinzipien unseres Daseins und Handelns.

Maria Linsmann

Text für das Buch "Prima Vista, Künstlerbücher von Nora Schattauer",
im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg