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Michael Glasmeier
Augen, Hand, Buch

Vorsichtig müssen wir sein und aufmerksam, bedächtig und bereit zur schöpferischen Ratlosigkeit. Mit den Unikatbüchern von Nora Schattauer werden wir langsamer. Es ist nicht mit einem schnellen Blättern getan, auch die sorgfältige Machart verbietet das. Wir nehmen sie in die Hand, und schon ist Fingerspitzengefühl geboten. Sie scheinen empfindlich zu sein, leicht, aber doch von einer gewissen Schwere, die zunächst nicht begriffen wird. Erst mit dem erzwungen sorgfältigen Aufblättern erfahren wir, was diese Schwere trotz Leichtigkeit ausmacht. Die einzelnen Seiten sind Träger von Materialität, bestimmter, durchdachter sich wiederholender Materialität, die sich auf jede einzelne Seite legt und sie sorgsam gewichtet. Vor allem an den Rändern der Materialität und an den feinsten Faltungen der Seite bemerken wir dann, dass diese Materialität nicht allein aufliegt, sondern in das Papier selbst eingegangen ist und sich den ganzen Raum der Seite erobert hat. Die Seite ist nicht Papier plus Materialität, sondern - im Gegensatz zu den üblichen Buchdruckverfahren – papierende Materialität. Sie ist nicht mehr allein Träger der Botschaft. Sie ist die Botschaft selbst. Wenn wir sie berühren, fassen wir nicht den Träger einer Information. Wir berühren das Bild selbst in seiner komplexen, feinen Materialität.

Nora Schattauer, die bekanntlich mit ihren Wandbildern chemische Prozesse unterschiedlichster Materialien wie Leinöl, Wachs, Kautschuk, Blutlaugensalz, Kupfersulfat, Natriumchlorid und ähnliches auf speziellen Bildträgern nicht abbildet, sondern initiiert und geschehen lässt, um so Bildwerke zu schaffen, die ihre eigenen, blühenden Kräfte wundersam zur Schau stellen, lässt auf den ersten Blick mit dem größten Teil der Bücher ihre alchemistische Strategien weiterleben. Doch mit den Buchbildern findet nicht einfach ein Medienwechsel statt. Vielmehr ist zu beobachten, dass wir es hier mit der Subtilität einer neuen Dimension zu tun haben. Erzielt das Wandbild seine spezifischen Wirkkräfte durch seinen Objektcharakter, seine Größe, Farblichkeit, Platzierung im Raum und Wechselwirkung mit anderen Objekten, so ist das Buch ausgerichtet auf eine äußerst intime Beziehung mit dem Betrachter, bzw. Leser. Es will, dass nichts mehr zwischen Auge, haltender Hand und Seite dazwischenpasst. Der umgebende Raum, die Geräusche, die anderen Bewohner des Planeten werden als Störfaktor jener durch die Hand vermittelte Zweisamkeit begriffen. Es ist also nur konsequent, wenn beispielsweise die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts mit Leser-Darstellungen den Realismus von Intimität sichtbar werden ließen; denn mit einem Buch wollen wir auch öffentlich allein sein. Das prägt die Stille der Bibliotheken und den unerfüllbaren Wunsch der Besucher von Buchausstellungen, die Vitrinen endlich hochzuklappen, in den Ausstellungsobjekten zu blättern, sie in die Hand zu nehmen.

Die eingespielte und schon natürliche Abhängigkeit von Auge, Hand und Buch lässt sich verallgemeinern und anthropologisieren. Sie gilt für den Kriminalroman, den philosophischen Essay, das Kunstbuch oder das Künstlerbuch gleichermaßen. Doch Bücher, die das Lesen selbst ins Zentrum stellen, zielen darauf, diese Abhängigkeiten durch ein angenehmes Schriftbild und eine praktikable Haltbarkeit, Bindung, Seitenstärke etc. zugunsten des einfachen Lesevorgangs selbst aufzulösen, während Bücher, die vornehmlich der Betrachtung von Bildern, Illustrationen oder bildgewordenen Texten dienen, durchaus durch Größe, Schwere, Papierdichte für die Hand auffällig werden können, damit für das Auge möglichst viel herausspringt. Die je nach Buch-, Lese- und Betrachtungsart sich immer neu definierenden, äußerst subtilen Korrelationen zwischen Hand und Auge, zwischen Haptik und Sichtbarkeit inszenieren das Buchbild mit. Trotzdem ist dieses wesentlich Haptische als Argument nicht nur aus der Buchwissenschaft verschwunden und hat sich der Wahrnehmungsstrategie des Sehens bis zur Selbstauflösung untergeordnet. Dem Kunsthistoriker Alois Riegl (1858 – 1905) ist es zu verdanken, dass das Haptische, bzw. Taktile dennoch als eine durchaus zentrale Kategorie der Wahrnehmung vor allem zur Beschreibung und Analyse von Objekten der „Kunstindustrie“ absolut tauglich ist. Und mit den alchimistischen Materialbüchern von Nora Schattauer werden wir auf diese Tatsache nochmals und äußerst eindringlich gestoßen.

Dabei geht es der Künstlerin mit diesen Unikaten weder um besonders wertvolle Papiere oder Bindungstechniken, wie wir sie etwa von den Malerbüchern kennen, noch um das besondere Vorzeigen des Objektcharakters eines Buchs, das für eine spezielle Art von illustrierten oder Künstlerbüchern eine leider oftmals etwas peinliche Rolle spielt. Im Gegenteil: Nora Schattauer lässt ihre Materialien machen. Das Haptische wie das Optische sind Resultate eines Produktionsprozesses. Mit der Präzision des Zufallskomponisten legt Nora Schattauer Seitengröße, Papierart, reaktive Materialien, Prozessdauer fest und führt Wirkmächtigkeiten vor, welche die Seiten in jene oben genannte schwere Leichtigkeit überführen. Die sich daraus ergebenen Reihungen, Abfolgen, Vergleichbarkeiten und Erzählungen werden in Büchern zusammengefasst, von ihr gebunden, beschriftet, betitelt. Dass es dabei nicht allein zu optischen Sensationen kommt, sondern eben auch die haptischen sich herausgestellt finden, machen diese Bücher, vor allem wenn wir sie in die Hand nehmen, zu kostbaren Schaustücken, vergleichbar mit antiken oder mittelalterlichen Zimelien oder Inkunablen der Renaissance und des Barock.

Die chemischen Prozesse, in den denen wir vorsichtig blättern, führen uns in die Welten der gerauten, sprechenden Flächen, der sich nie ähnlichen Kreisgebilde und -formationen, der sich von einem Zentrum ausbreitenden Flächigkeiten und sich ab- und anstoßenden Konstellationen. All’ dieser Reichtum breitet sich in Farben aus, für die wir kaum Worte finden, weil sie nicht aufgetragen sind auf der Seite, sondern eingewirkt, eingesaugt und so empfangen von einem großherzigen Stück Papier, das die chemischen Reaktionen zwar irgendwann zu einem Stillstand bringt, der aber oft nur vorgetäuscht ist. Vielmehr scheinen die Farben, und das prägt ihre faszinierenden Eigenheiten, immer auf dem Sprung. Vor allem die Salze führen unerwartete Farb- und Formereignisse auf, die wir so noch nicht gesehen haben, die uns unbekannt sind, die wir aber anfassen.

Die gewöhnlich durch das Blättern, durch das Bewegen der einzelnen Seiten erreichte Zeiterfahrung, bringt nun die Formen und Farben in eine weitere Betrachtungsebene, die mal erzählerisch, mal kinematografisch, mal seriell oder mal sich immer wieder erneuernd ist. Diese Dimension ist es, die über das Haptische und Visuelle hinaus die Buchbilder neben den Wandbildern mehr als notwendig macht. Denn so lässt sich die von Nora Schattauer initiierte Vitalität der anfixierten Prozesse als zeitlich zu verfolgende Bewegung und subtile Veränderung der Einzelformationen anders fassen, als dies mit Wandbildern möglich ist. Signalisiert das Wandbild Dauer durch Fläche und Größe, werden - durch die beim Blättern entstehenden augenblicklichen blinden Flecken – in den Büchern immer wieder neue Erwartungen, Konstellationen und Ereignisse chemomechanisch in Gang gesetzt. Überraschend erzielt wird auf diese Weise zudem eine Transparenz der Gegenseitigkeiten. Mit der Bündelung durch Seiten entstehen Abhängigkeiten voneinander, mit der Bewegung Beweglichkeiten der Konstellationen, die, einhergehend mit den Berührungen, mit dem Anfassen die Konstanzen beleben, erneuern und erfrischen. Die von Nora Schattauer sorgsam inszenierte Alchimistenküche der einzelnen Seiten entwickelt sich im Buch zu einem Kompendium ihre sichtbaren und berührbaren Möglichkeiten und Begründungen.

Angenehm ist, dass die Künstlerin dem Material selbst vertraut. Alle ihre Bücher, neben den Material- auch die wunderbar feinen zugespitzten Werk-, Skizzen- und Fotobücher bündeln optische Serien ohne aufwändige Dramaturgie von Spezialbindungen, künstliche Vergrößerungen, Überhöhungen oder Coververedelungen. So bleiben sie ganz bei sich, wollen nicht mehr vorgeben als lebendige und aufmerksame Arbeit an Wahrnehmung, Ähnlichkeit, Veränderung, Naturgeschichte und Materialität. Wir spüren, wenn wir die Bücher in die Hand nehmen und den Augen präsentieren, immer auch das Atelier der Künstlerin als Raum der Forschung und Alchemie. Nora Schattauer verlässt sich auf die Kostbarkeit der Dinge selbst, auf das, was sich zeigt. Daher müssen wir vorsichtig sein und aufmerksam, bedächtig und bereit zur schöpferischen Ratlosigkeit.

Text für das Buch "Prima Vista, Künstlerbücher von Nora Schattauer",
im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg