Ulli Seeger
Vom Beginn und vom Ende der Kunst

Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen wie Einen;
Und ihr habt den Beginn, habt das Ende der Kunst.

                                                   J.W. v. Goethe, Weissagung des Bakis

Salz ist ein unentbehrlicher Grundbaustein des Lebens. Es findet sich überall – in der Erde, in den Ozeanen, in der Luft, in den Körpern. Im chemikalischen Sinne bildet Salz ein Umsetzungsprodukt einer Säure mit einer Base und entsteht damit aus einer Synthese aus gegensätzlichen Elementen. Salzkristalle können in der Natur zu Bergadern, Wüsten und Seen auswachsen – aber können daraus auch Bilder entstehen?
Tatsächlich bilden Salze das wichtigste Ausgangsmaterial für Nora Schattauers aktuelle Arbeiten. Auf der mit Kieselerde präparierten Leinwand trägt die Künstlerin dabei zunächst eine Mineralsalzlösung auf. Auf diese „Grundierung“ folgen ein oder auch zwei weitere Salzlösungen, die mittels Tropftechnik sukzessive und nach einem bestimmten Schema auf den vorbereiteten Bildträger aufgebracht werden. Das Ergebnis ist frappierend, wenn nach einiger Zeit auf dem Bildträger erstaunliche Formationen sichtbar werden. Auf der Leinwand zu sehen sind je nach Art der verwendeten Salze, ihrer Menge und Reihenfolge und gemäß des Zeitpunktes des Auftrags bzw. der Betrachtung fragile Gitterstrukturen oder überaus zart anmutende Blütengebilde. In leisen Pastellnuancen entstehen unter der Tropfpipette die absonderlichsten Formen, die oft Assoziationen an den Blick durch das Mikroskop wecken. Seien es einzellige Strahlentierchen, Zellteilungsprozesse, Schneekristalle oder Knospen, immer ist den entstehenden Strukturen etwas Organisches zu eigen.
Schattauers „Malerei mit der Pipette“ ist dabei nicht nur den geheimen Gestaltungsprinzipien natürlicher Formen auf der Spur, sondern erfolgt auch nach quasi-wissenschaftlichen Methoden. Wie bei einer Laboranalyse hält die Künstlerin ihre „experimentelle Versuchsanordnung“ als Laborbericht analytisch fest: welche Substanzen wurden kombiniert, in welcher quantitativen und zeitlichen Abfolge, wie war die Beschaffenheit der Grundierung beim Auftrag der nächsten Lösung? (fig 05, 06) Die Dokumentation ihres Produktionsprozesses freilich steht nicht im Kontext positivistisch-exakter Überprüfbarkeit, sondern dient der künstlerischen Orientierung beim Umgang mit völlig unkünstlerischen Materialien: chemische Substanzen mit hoher Eigendynamik und eingeschränkter Kontrollierbarkeit.

Die Arbeit mit natürlichen und veränderlichen Stoffen kennzeichnet bereits das Frühwerk Nora Schattauers. In Form von Wachs und Kautschuk wählt sie ebenfalls form- und wandelbare Materialien mit stark sinnlichen, haptischen Qualitäten. Und schon hier ist es der Wechsel der Aggregatzustände von fest und flüssig und vice versa, der die Bildfindungen der Künstlerin generiert. Während Wachs bei Wärme dehnbar und nachgiebig wird, beginnt die Erstarrung von milchig-zähflüssigem Kautschuk unmittelbar nach dem Kontakt mit Luft. Auch auf Lichteinfall reagiert der Rohstoff für Gummi durch die Veränderung seiner Farbe. Der natürliche Gestaltwandel der verwendeten Stoffe bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen wird zum Seismogramm verborgener Gestaltungsprinzipien, die im Material selbst liegen. (fig 18) Fasziniert von der Wandelbarkeit und immanenten Gestaltkraft des natürlichen Stoffes beginnt Nora Schattauer, den zugrundeliegenden autopoietischen Kräften der Materie in ihrer künstlerischen Arbeit nachzuspüren. Welche Kräfte sind am – natürlichen und / oder künstlerischen – Werk? Grundlage für die Erkundung der Phänomene bildet die Auseinandersetzung mit den sinnlichen Eigenschaften der Stoffe, die weniger als Ding denn als lebendiger Organismus aufgefaßt werden. Die Künstlerin selbst spricht vom „Aufschließen des Materials“ und konsequenterweise nicht vom Arbeiten mit den Materialien, sondern aus denselben. Geradezu spielerisch-experimentell geht sie vor, wenn sie sich dem Wesen eines Stoffes auf diese Weise nähert. Ihre Hinterfragung der äußeren Form wird im Vollzug zur Frage nach der Qualität und Substanz eines Gegenstandes. Dem geduldigen Auge und der ruhigen Hand der Künstlerin hat sich auf diese Weise die Tropfenform als eine Art Urphänomen der Selbstorganisation natürlicher Stoffe erschlossen. Ein Tropfen ist rund, stabil, besitzt Spannung und entwickelt aus sich selbst heraus eine Anziehungskraft auf andere Tropfen. (fig16) Kann es also verwundern, dass früheste Lebewesen wie Diatomeen oder Radiolarien  eine tropfenartige Gestalt hatten? Der einzelne Tropfen als Mikrokosmos.
 
Während jeder Stoff bestimmte Eigenschaften besitzt, die sich sinnlich erschließen und vermitteln, entspringt der Verbindung unterschiedlicher Stoffe mehr als die bloße Addition der einzelnen Eigenschaften. So führen Nora Schattauers jüngere Arbeiten die Wechselwirkung mehrerer Salze vor Augen und demonstrieren auf der zweidimensionalen Fläche gerade das Mit- oder Gegeneinander des Verschiedenen. Die Reaktion der über 10 verwendeten Mineralsalze fällt erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Doch wer hätte vermutet, dass sich die Gitterordnung, die bereits die äußere Form der einzelnen Salze im festen Zustand prägt, auch nach der Lösung in Wasser bzw. nach dem Trocknen auf dem weichen, saugfähigen Papier wiederfindet? Der verflüssigte Stoff hat seine Form aufgelöst, hat sich vollständig mit dem Lösungsmittel vereinigt und zeigt dennoch in der Reaktion mit anderen Stoffen nach dem osmotischen Versickern auf der Papierfläche optisch ein ähnliches Gittermuster wie im kristallinen Zustand. Chemikalisch betrachtet wird bei dem Lösungsvorgang die bestehende Gitterordnung der Teilchen aufgebrochen, um mit den Atomen des Lösungsmittels (Wasser) eine neue Gitterstruktur zu bilden. Bei diesem Vorgang (Hydration) wirken sogenannte Gitterkräfte, die je nach Substanz und Lösungsmittel stärker oder schwächer sind. Die Wechselwirkung der Moleküle beruht auf Anziehung und Abstoßung, auf Sympathie und Antipathie. Es sind diese gegenläufigen Kräfte, die in Schattauers Arbeiten neue Formbildungen bewirken: mal sind sie scharf gegeneinander abgegrenzt, mal gehen sie ineinander über; mal fransen sie an den Enden aus und laufen ins Leere, mal vereinen sie sich zu einem großen Ganzen. Ein unendlicher Prozess von Aktion und Reaktion zwischen den Atomen, Farbstoffen und Zuständen, die an den Nahtstellen der Berührung sichtbar Auskunft geben über die Art ihrer wechselseitigen Einwirkung – und die darüber immer neue Blüten treiben.

Durch den Kontakt des Verschiedenen verwandeln sich die zugrundeliegenden Elemente substantiell. Ihre Grundenergien treten im Wechselspiel von Einflußnahme und Beeinflußtwerden in eine Art Zwiesprache, aus der etwas Neues, Drittes hervorgeht. Der Austausch der Elemente erfolgt mit großer Eigendynamik und nach Maßgabe der bestehenden Polarität. So bringt Nora Schattauer den Transformationsprozess aktiv durch die Konfrontation des Heterogenen auf den Weg und gibt durch ihre Bestimmung der Tropfstellen auf dem Papier eine Bewegungsrichtung vor; das Reaktionsgeschehen selbst jedoch kann sie nicht ganz steuern. Die Künstlerin wird damit streckenweise zur Beobachterin eines autonomen Verwandlungsprozesses, zur „Dokumentarin“ einer unter Kihren Augen selbsttätig stattfindenden Formbildung.

Die Aktivität des Materials macht  die Autorin in diesem Sinne immer auch zu einer Zuschauerin; die Phänomene selbst werden zu Akteuren, wenn sie sich dem wahrnehmenden, innehaltenden Auge durch farbliche Veränderungen, feine Verästelungen oder flächige Lasuren peu à peu offenbaren. In den Kanon der materiellen Interaktionen stimmt auch die spezifische Stofflichkeit des Bildträgers ein, der durch seine Oberfläche und Dichte den Lauf der Dinge nicht unwesentlich beeinflußt. Die genuine Spannung der einzelnen Teile untereinander setzt dabei ein Geschehen in Gang, das keineswegs auf die Fläche des Papiers oder der Leinwand beschränkt ist. Der unendliche Wechsel von Actio und Passio schließt letztlich auch die Künstlerin ein, wenn diese im Produktionsprozess durch stetes Tropfen und Gießen einerseits neue Bewegungsenergien unter den Stoffen freisetzt, andererseits aber im Fließenlassen der Elemente den Zustand der Gelassenheit erprobt. Nicht nur das aktive Tun, sondern auch das passive Hinnehmen und Zulassen ist damit wesentlicher Teil des Schöpferischen. Polarität als Grundlage von Bewegung und steter Veränderung: während bei atomaren Verbindungen die jeweilige Ladung der Teilchen die Bewegungsenergie hervorruft, ist auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen von entscheidender Bedeutung, ob die „Chemie stimmt“. Im Wechsel der Aggregatzustände des Bewußtseins verflüchtigen sich einseitige Perspektiven. Dynamische, fließende und spannungsreiche Wahlverwandtschaften bilden vielmehr ein universelles Gesetz und gelten für das Kleine wie für das Große, für das Sichtbare und das Unsichtbare, für das Räumliche und das Flächige, für das Positive und das Negative, für Oben und Unten. Und so stellt sich die Ahnung ein, dass das Rätsel der Formbildung eng mit dem Geheimnis des Lebens verbunden ist.

Mit den Alchemisten ist Nora Schattauer im Selbstversuch dem geheimen Leben der Materie auf der Spur. (fig  19) Wie jene folgt auch die Künstlerin dem Grundsatz der Nachahmung der Natur, wenn sie im Atelier die Ingredienzen für ihre Bildfindungen nach allen Regeln der (chemischen) Kunst mischt und aufeinandertreffen läßt. Hier wie da liegt der Geist bzw. Bauplan der Formen in den Stoffen, die daher behutsam ausgewählt werden wollen. Die Künstler-Alchemistin macht die verborgenen Kräfte der Materie sichtbar – und legt nebenbei auch die ungeheure Schönheit dieser natürlichen Ordnungsstrukturen frei. Im Medium der Kunst führt Nora Schattauer grundsätzliche Formbildungsprozesse vor Augen, die sich durchaus mit Bildwerdungsprozessen parallelisieren lassen. Wie entstehen Form und Gestalt, wie Fläche und Raum? Die Natur bleibt die große Lehrmeisterin der Kunst, doch die Kunst erscheint als Teilchenbeschleuniger der natürlichen Prozesse. Für die Erforschung materieller Selbstorganisation bedarf es keinerlei Exklusivität oder Materialfülle – es ist das ganz Alltägliche und Fragmentarische, das Aufschluss über universelle Gesetzmäßigkeiten verspricht. Wachs, Kautschuk oder auch Salz – Materialien mit hoher sinnlicher Qualität und dem Zeug zur sagenumwobenen Materia prima, die die Alchemisten nicht von ungefähr auf der Straße fanden. Man suche eben nichts hinter den Phänomenen… Dem wahrnehmend verweilenden Auge wird sich auch in Einem das Viele erschließen, so wie das Viele immer auf das Eine zurückverweist. Nora Schattauer öffnet einen Kosmos der Korrespondenzen, in dem die Kunst als Lösungsmittel die Fließgeschwindigkeit der anschauenden Erkenntnis erhöht.

Ulli Seeger

Text für das Buch "Kristalline Bilder",
Salon Verlag Köln, 2006