Tanja Langer
Malen mit der Pipette
Die Künstlerin Nora Schattauer braucht keinen Pinsel. Sie arbeitet mit Salzen statt mit vorgefertigten Farben.

"Zeitenkristalle" bildet Nora Schattauer auf der Haut der präparierten Leinwand. Tropfen, Netze, Pollen. Zartrosa, scdhwebend-grün. Die Leinwand ist mit Kieselerde bestäubt, überzogen. Die Kieselerde verwandelt die Leinwand in eine lebendige Fläche, auf der sich geheimnisvolle Prozesse abspielen, wenn die Künstlerin mit einer Pipette Tropfen darauf fallen lässt, aus Salzkristallen, die sie in Wasser aufgelöst hat, Ammoniumphosphat, Blutlaugensalz, Kupfersulfat. Sie reagieren miteinenader, je nachdem, wie sie kombiniert werden, in einem chemischen Prozess, der farblich sichtbar wird: Tropft sie etwa Gelbes Blutlaugensalz allein auf das Papier oder die Leinwand, ist es blassgelb; Ammoniumphosphat hingegen farblos. Wird aber das Zweite auf Ersteres getropft, entsteht das intensive, schwebende Blaugrün, das eine von Nora Schattauers Lieblingsfarben ist. Zu jeder Jahreszeit gewinnt es eine andere Tönung, je nach Luftfeuchtigkeit, Lichteinwirkung und Wärme.

Nora Schattauer weiß das alles. Bevor sie ihre Bilder komponiert, probiert sie aus, welche Farbspiele sich ergeben und welche Strukturen. Sie hat beobachtet, dass sich die Tropfen auf dem Untergrund immer nur bis zu einer bestimmten Grenze ausdehnen, die sie abschätzen, aber nicht exakt festlegen kann: Ein klar umrissenes Gebilde entsteht. Gibt sie nun in das noch feuchte Gebilde, etwas aus Blutlaugensalz, einen Tropfen des Ammoniumphosphats, drängt dieses das zartgelbe Blutlaugensalz an den Rand. Mit anderen Worten:
Der erste Tropfen dehnt sich aus und endet, der zweite kommt, bewegt sich im ersten und verändert ihn. Setzt die Künstlerin nun mehrere Tropfen dicht nebeneinander, ereignen sich an den Rändern aufregende Spektakel aus Farbe, winzig, graphisch, leuchtend. Neue Formen entstehen, die an Netze erinnern und sich besonders in den großen blaugrünen Arbeiten, die sie "salts" nennt, zu sehen sind. Direkt vor diesen Bildern scheint die Farbe in der Luft zu flirren.
Das schwebende Blaugrün erinnert die in Köln lebende Künstlerin an ihre frühe Kindheit in Duisburg: Es ist die Farbe der Zechenräder, der Rheinbrücken und der dicken Pipelines. Ihr erstes Lebensjahr hat sie auf einem stillgelegten Lastkahn im Hafengebiet verbracht; ihr Vater steckte noch in der Ausbildung zum Schiffsmechaniker. Vier weitere Kinder kamen; die Familie zog oft um; was konstant blieb, waren die Rheinwiesen: der Himmel, das Wasser, das Gras. Die Wolkenränder, das Fließende, die Farben. Es waren die 50er-Jahre. Vorsichtig zerriss der Vater manchmal ein Stück Papier für die Kinder zum Zeichnen. Papier war teuer, etwas Besonderes. Nora Schattauer nahm die Verliebtheit ins Material mit. "Kein Material ist anonym", sagt sie, "jedes hat seine Geschichte. Die Kieselerde bildet sich aus den Skeletten von Urtierchen im Meer, und die Salze haben eine lange Reise durch Vulkane und die Erde in sich gespeichert."

Nora Schattauer liebt Schneekristalle, Grashalme und Blüten, sie will wissen, wie sie in ihrem Inneren aussehen. In einem Forschungslabor benutzte sie ein raumfüllendes Rasterelektronenmikroskop, um Lilienpollen in zweitausendfacher Vergrößerung zu fotografieren. Die Netze, die sie auf diesen Skulpturen der Natur entdeckte, waren eine Überraschung für sie, denn sie glichen denen, die durch ihre Reihung von Tropfen entstanden sind.

Nora Schattauer lässt sich von Musterbildungen in der Natur inspirieren.
Pflanzenzellen oder Sternenhaufen. Sie denkt sie mit Überlegungen des Komponisten John Cage zum Rhythmus der Stille zusammen. Oder mit der "Optical art", jener alsOp-Art bekannt gewordenen Kunstrichtung, die sich dem anschaulichen Spiel mit den physikalischen Gesetzen des Sehens verschrieben hat. Zusammenhänge immer neu zu betrachten fasziniert Nora Schattauer. Spuren aufzudecken, Geheimes zu entdecken, ihm aber doch das Rätselhafte zu belassen. Durch ihre Neugier verbindet sie Wissenschaft und Poesie.

Nora Schattauer schätzt die Nüchternheit und Vorstellungskraft der Romantiker, die den geheimen Räumen der Natur auf die Spur kommen wollten wie sie selbst auch. Mit Nüchternheit ist hier die Wachheit des Geistes gemeint, mit der etwas Novalis oder Hölderlin sich für Wachstumsprozesse von Pflanzen öffneten. Darin fanden sie poetischen "Chiffren", Zeichen für das Rätsel des Lebens selbst. Organische Prozesse auf anorganische Stoffe anzuwenden, um die es sich ja bei Salzen und Mineralien handelt, führt in den spirituellen Bereich der Alchimie. Auch Nora Schattauer spricht mit Novalis lieber von "alchemischen" Vorgängen, als von chemischen, und sie zitiert den Dichter: "Ich wußte nicht, wie mir geschah und wie das wurde, was ich sah."

Im Winter hauchte die Mutter manchmal auf ein Fensterscheibe mit Eisblumen und zeigt der Tochter, wie diese in dem "Guckloch" verschwanden. Zeigen und Verbergen in einer Geste. Die Erwachsene lässt nun bizarre Gebilde entstehen, in denen die Zeit festgehalten wird: Muster, Doppelschichten, Netze, Verflechtungen. Kalkuliert und unkontrolliert zugleich.
Nora Schattauer malt mit "nicht malerischen Mitteln", wie sie sagt. Sie war es eines Tages leid, mit fertiger Farbe zu arbeiten. Sie suchte etwas anderes. Sie machte Tintenbilder, Leinölbilder, Bilder aus flüssigem Wachs und Kautschuk. Material zum Fliessen bringen, zusehen, wie neue Formen sich bilden, wie sich Formen verwandeln. Sie erinnerte sich daran, dass sie als Kind eine Geheimschrift aus Zitronensaft aufleuchten lassen konnte, wenn sie mit dem Bügeleisen darüber fuhr.
Sie besorgte sich Salzkristalle und "chromatographisches" Papier. Die Salzlösung bildet darauf unterschiedlich intensiv gefärbte Zonen - wie Tinte auf Löschpapier. Die Blätter wurden ihr bald zu klein; sie bereitet seither ihre "Fließgründe", mit der Kieselerde etwa, selbst vor - und macht daraus eine "chronographische", also zeitaufzeichnende Fläche, die die Eigenzeitlichkeit des Materials festhält. Und ein Zeitempfinden, das unserer täglichen, durchstrukturierten Zeit eine entgegenstellt, der der langsamen Wahrnehmung gehört, dem Nachsinnen: ein existenzielles Bedürfnis, in dem sich die Kunst und die allmählichen Wachstumsprozesse der Natur berühren. In ihrer Arbeit mit den zu findenden Farben, sagt Nora Schattauer, verliert und findet sie sich zugleich. Eine lebendige Bewegung, die im Vibrieren der Farbe selbst verdichtet ist, mit der Geschichte aller beteiligten Materialien - und der der Künstlerin.

Tanja Langer

Text für "natur+kosmos", Monatsmagazin
August 2006