Jens Peter Koerver
Malerei, Metamorphose, Natur

Die Malerei des 20.Jahrhunderts ist geprägt durch Ausweitungen und Verschiebungen. Neue Verfahren und Materialien, bislang nicht gesehene Strukturen und Impulse anderer visueller Medien, das zuvor Bildunwürdige, die Faktizität des Malens, die Tatsachen des Bildes ... alles findet Eingang in die Malerei. Neben den weiterhin dominierenden klassischen Farben kommen, besonders seit der Renaissance der Malerei in den 1980er Jahren, mit unterschiedlichen inhaltlichen Intentionen diverse Chemikalien zum Einsatz. Die Spanne reicht von medizinischen Flüssigkeiten, Reinigungsmitteln und Kosmetika bei Peter Hopkins bis hin zu Sigmar Polkes alchemistisch deutbaren Prozeßmalereien mittels edel-metallischer Substanzen, Salzen und Mineralien. Und länger schon ist die Malerei nicht mehr auf den Auftrag mit dem Pinsel beschränkt. Bereits historisch sind Jackson Pollocks Drippings für einen entgrenzenden Gebrauch frei fließender Farbe. Helen Frankenthaler durchtränkte die Leinwand mit dünnflüssiger Farbe und Mario Reis überließ seine Bildträger eine Zeit lang dem strömenden Wasser, den Sedimentationen des Zufalls. Mit Hinblick auf diese Möglichkeitsfülle könnte Malerei - nicht als Definition, eher ein offener Beschreibungsversuch - der Auftrag eines färbenden, modifizierenden Materials auf einem Träger sein, abzielend auf einen visuellen Komplex, der als Bild erkannt, anerkannt wird.
Nora Schattauers Arbeiten sind zweifelsohne Malereien. Wenn sie verschiedene in Wasser gelöste Mineralsalze mit der Pipette auf Papier, Folie oder speziell präparierte Leinwand tropft und dort miteinander reagieren lässt (Fig. 16), so ist diese individuelle malerische Praxis sicher eine randständige im Spektrum zeitgenössischer Kunst. Und doch resultieren aus dieser fundamentalen, die Formkräfte ihrer Stoffe erkundenden Recherche  – Nora Schattauer betreibt sie nicht als systematisch- wissenschaftliche Untersuchung, wohl aber auf Grundlage umfangreicher Versuche, die ihren Niederschlag  in zahlreichen Unikatbüchern gefunden haben – genuin malerisch zu nennende Bilder. Dies trifft besonders für die seit 2005 entstehenden vor allem von einem reich differenzierten Grün-Blau-Spektrum geprägten Arbeiten mit ihren die gesamte Bildfläche gleichmäßig überziehenden Gewebe- oder Netzstrukturen zu. Ein Seitenblick auf zwei ältere Fotogramme der Künstlerin lässt erkennen, in wieweit die Möglichkeiten regelmäßig ausgebreiteter All-over-Strukturen bereits früher erprobt wurden (Fig. 09). Der Vergleich mit einer Knotenkonstruktion Leonardos (Fig.14) macht jedoch augenfällig, wie frei, gleichsam organisch Nora Schattauer ihre Bildgewebe entwickelt. Es kristallisiert sich nicht als erstarrtes Gefüge, vielmehr bleibt in allen diesen Arbeiten in je eigener Weise eine Möglichkeit zur  Verwandlung gewahrt. Übergänge, Mischungen  - mithin ein Moment  der Transformation  - kennzeichnen das Malerische, sind aufgehoben in einer malerischen Malerei. Die Bilder Nora Schattauers halten dieses Im-Fluß-Sein fest, indem die von ihr zur Reaktion gebrachten Stoffe ihre eigene Prozessualität, -  ihr Vermögen, immer neue Form- und Farbnuancen zu zeitigen  - präsent halten. Auf die große, das Werk von Anfang an durchziehende Affinität der Künstlerin zum Fließenden, der sich selbst in der Bewegung formenden Materie sei hier nur hingewiesen (Fig.25), sie ist nicht zuletzt in der jüngsten Werkgruppe augenfällig.

Es sind nach und nach entstehende, sich allmählich zeigende Bilder. Im Unterschied zu aller Malerei mit konventionellen Materialien steht, was Bild wird, nicht sichtbar und damit überprüfbar vor Augen. Mit dem Auftragen der Salzlösungen werden erst die zum Bild führenden Reaktionen initiiert. Das Bild selbst entwickelt sich während eines Reaktionszeitraumes, wird allmählich sichtbar, verändert sich zunächst noch und zeigt sich mitunter erst nach mehren Tagen in einem struktur- und farbstabilen Zustand, der es erlaubt, das Entstandene zu beurteilen, es als ein gelungenes Bild zu akzeptieren oder aber, es zu verwerfen.
Diesem allmählichen Sich-Zeigen des Werkes - das für den Betrachter ein allein vorstellbarer Prozeß ist -  entspricht ein ebenso allmähliches In-den-Blick-Kommen des Bildes. Ist seine Grundanlage mit einem Mal zu überschauen, so bleibt die Wahrnehmung der Details -  seine visuelle Fülle -allein dem geduldig erkundenden, schweifend vergleichenden Schauen vorbehalten. Erst diesem Betrachten zeigt sich - mit der Zeit -  das keine Einzelheit eine andere wiederholt (Fig. 02 und 13). Das stets gleiche prozessuale Vorgehen mit identischen Materialien zeigt, dass sich fortwährend andere Aspekte, andere den Stoffen innewohnende Möglichkeiten im Bild verwirklichen, jeder Tropfen ein eigenes Potential birgt: So erscheint bei einem Blick auf „Blaues Netz“ (Seite 7 ) hier ein Strang des Gewebes dichter, materieller und dort  - in unmittelbarer Nachbarschaft -  transparenter, weicher, leicht verschwimmend zu den Rändern hin. Und an anderer Stelle wieder zeichnet sich diese Grenze als klare Kontur, unruhig bewegte Linie ab, plötzlich endend und abgelöst von einer zarteren, nur leicht ausschwingenden Umfassungslinie, die hier von einer blaßblauen Schattenfläche begleitet wird ... Das genaue Sehen verfolgt eine stete Metamorphose, fortwährende Variation, die Entfaltung des immer wieder anderen und so bietet sich ein Fluß der Verschiebungen, der unausgesetzten Differenzierungen dem Schauen dar.
Die Variatio als Vielfalt des Ähnlichen weist nicht allein auf eine Kraft des Lebendigen, die dem künstlerischen Tun,  - dem sich bewußt in die Materie vertiefenden Arbeiten -  innewohnt und ihren Niederschlag im Eigenleben, dem Atem des Bildes findet. Variatio zeigt sich in den Bildern auch als wesentlicher Aspekt des Malerischen. Veränderung ist so gesehen eine -potentiell unendliche -  Nuancierung der Form und der Farbe. Immer wieder scheinen andere Möglichkeiten, neue Verwirklichungen des im Stoff potentiell Angelegten auf. Diese Mannigfaltigkeit, ein Neues, Verändertes, Unwiederholtes hervorbringendes Strömen, kennt nichts Absolutes; was ist, entspringt der steten modifizierenden Bewegung.  Dieser unablässig neue Nuancen ermöglichende Fluß ist der Beweggrund der Arbeit.

Herzkammer und zentraler Echoraum der gesamten Arbeit Nora Schattauers, - sie hinterfangend gleich einem weit gespannten Horizont -  ist ihre umfassende Auseinandersetzung mit Natur. So unternimmt sie mit den Mitteln der Kunst in ihrem Werk eine Naturkunde in zweifacher Hinsicht.  Das Repertoire der Formen und Strukturen der Bilder reagiert auf einen umfangreichen Fundus historischer und zeitgenössischer Darstellungen von - dem bloßen Auge unsichtbarer -  Natur und der in ihr wirkenden Kräfte. Die Mikroskopie und andere Formen der Naturbeobachtung haben diese zugänglich und anschaulich gemacht  (Fig.19 und 20). Diese ästhetisch und wissenschaftsgeschichtlich höchst wirksamen, eine  tiefere Sicht auf Natur ermöglichenden Bildwelten, -  zu dem auch der eigene apparative Blick in die verborgenen Mikrobezirke des Organischen und das faszinierende Formerfindungsvermögen der Natur gehört (Fig. 21) - , sind in Nora Schattauers imaginärem „Labor der Bilder“ präsent. Die von dort ausgehenden Impulse gehen ein in die Bildfindungen der Künstlerin. Sie sind eine Form der visuellen Reflexion über Natur, des unabsehbaren Projekts, sich der Natur qua Bild, Bildern zu nähern.
Der zweite, nicht vollständig von dem ersten zu trennende Zugang besteht im Verfahren, im künstlerischen Vorgehen. Gleichsam von Innen heraus greifen die Arbeiten Formungsprozesse auf, die natürlichen Vorgängen verwandt sind, diese jedoch in künstlerische, am Bild und seiner Visualität orientierten Gestalt verwandeln. Die Bilder verdanken sich somit nicht der Imitation von Natur. Vielmehr sind sie zu verstehen als eine Kunst parallel zur Natur, als ein Wiederholen der Natur  - das zugleich auch ein Zurückholen, Vergegenwärtigen und wieder ins Bewußtsein bringen ist -  mit der Distanz des Kunstwerks unter den besonderen Bedingungen des Bildes, das einen Augen öffnenden, staunenden, schließlich erkennenden Blick auf eine prozesshafte, unendlich wandlungsfähige Natur ermöglicht.

Jens Peter Koerver

Text für das Buch
„Nora Schattauer. Kristalline Bilder“, 2006