Christoph Danelzik-Brüggemann
Spuren legen. Nora Schattauers Zeichnungen

Zeichnen ist Spurenlegen. Eine Hand führt  den Stift über das Papier und zieht Linien. Aus ihnen lässt sich aber kein Hergang rekonstruieren. Die Spuren verweisen nicht so sehr auf den Akt des Zeichnens, als auf eine neu geschaffene Realität, die nur in der Zeichnung existiert. In Nora Schattauers Zeichnungen aus den letzten Jahren ist dies sehr deutlich sichtbar. Leicht liegt die graue Farbe auf dem weissen Papier. Auf den ersten Blick ist klar, dass die Blätter weder Gefühlseruptionen noch Gedankengebilde dokumentieren. Vielmehr sprechen sie (im Sinn von „Bildsprache“) von einer sensiblen Wahrnehmung einer äusseren Wirklichkeit. Um ihre Sensibilität zu steigern, schliesst die Künstlerin beim Zeichnen die Augen. So kann sie Natur zeichnen, ohne zu sehr von dem Phänotypischen gefesselt zu werden. Mimesis ist hier unbedeutend. Doppelblind lässt sich das Verfahren nennen, weil Nora Schattauer auch den direkten Kontakt zum Zeichenpapier meidet und die Kontrolle im künstlerischen Prozess weitgehend aufgibt; denn sie arbeitet auf Durchschlags-Kohlepapier, sodass die eigentliche Zeichnung indirekt entsteht. Mit seiner weichen Farbschicht nimmt das Kohlepapier die Bewegung des Stifts anders auf als ein Zeichenblatt. Auch wirkt der Farbauftrag sehr homogen und häufig zart. Dadurch werden die Bilder dem Auge entrückt, sichtbar zwar, aber wie im Verschwinden begriffen.
Was Nora Schattauers Zeichnungen zeigen, lässt sich schwer beschreiben. Es gibt Blätter mit zahlreichen übereinander geschichteten horizontalen Linien. Bei ihnen fällt besonders auf, dass Schattauer das Hochformat bevorzugt, sodass breite obere und untere Bildränder, aber schmale Seitenränder entstehen. Wo eine Linie endet, setzt eine neue an – ungefähr zumindest, weil durch das Blindzeichnen kein genauer Anschluss möglich ist. Aus diesen Irritationen resultieren das Bild belebende Spannungen. Unwillkürlich erinnern solche Arbeiten an Landschaften – Äcker oder Hügelketten. Nora Schattauer interessiert sich auch für die graphischen Aspekte von Gezweig, das sie zu Zeichnungen führt, in denen kurze, beinahe nervöse Striche immer wieder die Grundform eines Ypsilons aus Stamm und Astgabel variieren. Und schliesslich zeichnet sie Spuren von Tieren. Kein Fährtenleser wird sie entziffern können, denn sie sind von einer anderen Dimension als unserer Raumzeit.
Unsichtbar präsent ist in den Zeichnungen Nora Schattauers die Gegenwart. Angesichts der Zartheit der Linien und der spürbaren künstlerischen Nervosität, durch die sie entstehen, scheinen die Arbeiten zeitlos zu sein und sind doch verankert im Hier und Jetzt. Solche Gegenwärtigkeit birgt Spannungen. Hier entstehen sie durch Schattauers experimentelles Verfahren: Sie zeichnet blind und verwendet ein bald schon historisches technisches Medium (Kohlepapier). Weder komponiert oder konstruiert sie, noch überlässt sie ihr Tun dem Zufall. Dabei entstehen keine Werke, die sich als Repräsentationsobjekte eignen. Kleinformatige, glatte weisse Papiere, zumeist unbeschriftet und unbetitelt, tragen die spröden Spuren konzentrierter Erforschung der Wirkung der Umgebung auf die Künstlerin. Gerade weil die Arbeiten so unprätentiös sind, wirken sie besonders intensiv. Sie sind radikal subjektive Gestaltungen und ihrer Form nach gleichzeitig komplexe Notate. Jede Linie, jede Y-Form ist ein polyvalentes Zeichen, denn die von Nora Schattauer geschilderte Umgebung ist längst nicht mehr ursprüngliche Natur, sondern durchgeformte Landschaft, Text. Aber jedes dieser Zeichen ist unwiederholbar und einzigartig.

Christoph Danelzik-Brüggemann

Text für das Buch "Kristalline Bilder",
Salon Verlag Köln, 2006