Stefanie Kreuzer
"Ausblühungen"

Die neuen Bilder von Nora Schattauer spielen mit Assoziationen, die aus der Vorstellungswelt der wissenschaftlichen Sphäre entstammen können. Gleichzeitig verengt der Begriff "Bilder" das Werk, denn bei den Arbeiten handelt es sich, wie es die Künstlerin bewusst formuliert, um "Gebilde".

Dieser Hinweis macht auf ein wesentliches Problem der künstlerischen Auseinandersetzung aufmerksam, nämlich auf das Beobachten des Gestaltens, des "Form-Werden" von Konstellationen und somit auf das "Bilden" im allgemeinen. In diesem Zusammenhang hat Nora Schattauer das "Flüssige" als "ihr" Element gewählt. Flüssigkeiten und damit verbundene "Fließprozesse" ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Schaffen. Stoffe, die eine gewisse Nachgiebigkeit besitzen, wie beispielsweise Wachs, hatte sie zunächst zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit erklärt. Später erweiterte sie ihr Repertoire durch Kautschuk, den sie auf verschiedene Oberflächen wie Papier, Glas oder Leinwand getropft oder gegossen hat. Deutlich zeigt sich hier ihr Interesse am Material oder vielmehr an dem, was das Material "erzählen" kann.

In den Kautschukarbeiten wird genau wie in den Salzarbeiten das Prozessuale und damit das Unabgeschlossene und Veränderbare so lange wie möglich offen gehalten. In diesem Sinne wird der durch die verwendeten Materialien forcierte formale Wandel zum Teil der Arbeit. So verändert sich Kautschuk, wenn er Licht ausgesetzt wird, indem er nachdunkelt und so im Werk immer neue Schattierungsnuancen schafft. Die Salze hingegen können in der Arbeitsphase auf Luftfeuchtigkeiten reagieren und sich so mit Farbveränderungen im Hinblick auf die Jahreszeiten differenzieren. (danach sind sie in der Regel ausgereift)

Mit den "Salzbildern" beginnt Nora Schattauer eine Schaffensphase, die in die Nähe einer chemischen Versuchsanordnung mit Beobachten und Reagieren gebracht werden kann. Die häufigsten verwendeten Salze, Metallsalze, sind gelbes Blutlaugensalz und türkisfarbenes Kupfersulfat, die sie mit einer Pipette auf Chromatografiepapier tropft. Bei dieser Trägersubstanz handelt es sich um ein offenes Papier, das den Tropfen nicht an der Papieroberfläche stehen-, sondern im Gegenteil ihn ins Papier eindringen lässt, wo er sich ausbreitet.

Für die Entstehung der einzelnen Bilder ist es wesentlich:
Wieviele Tropfen aufgebracht werden, sie entscheiden über die Größe der entstehenden Formation.
Ob ein Tropfen auf einen bereits getrockneten Tropfen fällt oder sich mit einem noch feuchten Tropfen vermischt.
Und welches der Salze zuerst getropft wurde, da beide Flüssigkeiten über eine "Potenz" verfügen, d.h. eine Kraft besitzen, die sie aufeinander reagieren lässt.

Aus diesem begrenzten Repertoire der zur Verfügung stehenden Mittel, nämlich die Kreisform des Tropfens, die Wiederholung sowie die Reihung und Staffelung und das Überlagern der Tropfen, hat Nora Schattauer eine ganze Bandbreite von Variationen und Formationen geschaffen, die einerseits elementare künstlerische Gestaltungskriterien hinterfragen - wie Raum und Zwischenraum - und andererseits die Sehgewohnheiten des Betrachters und mithin seine Beobachtungsgabe herausfordern wollen.

Der Betrachter wird sich möglicherweise den Arbeiten zunächst in dem Glauben nähern, dass es sich um Zeichnungen handelt. Tritt er nahe an das Bild heran, wird er die extreme Schärfe und Klarheit der Linien, der Konturen feststellen. Und in diesem Moment, in der Beobachtung der feinen und zarten Details, taucht die Frage nach dem "wie", dem Prozess des Entstehens, der Herstellung auf. Dies bezieht sich nicht nur auf das einzelne Gebilde, sondern auch auf den Grundprozess des Bildens, zumal darüber hinaus die einzelnen "Motive" bewusst biomorphe Assoziationen hervorrufen. Bei den neueren Arbeiten der Werkgruppe "Ausblühungen" handelt es sich um Blütenassoziationen. Andere Salzarbeiten hingegen evozieren den Vorstellungsbereich der Mikrowelten, indem sie an Zellteilungsprozesse oder Zellakkumulationen denken lassen. Beide Arbeitsreihen spielen mit der Vorstellung von Feinstrukturen, die der genauen, fast wissenschaftlichen, Beobachtung bedürfen. Während bei den Zellstrukturassoziationen über den scheinbaren Blick auf die Mikrowelt das Beobachten mittels eines Mikroskops aufgerufen wird, gehen die Ausblühungen formal einen anderen Weg. In ihrer Anordnung und Wiederholung erinnern sie an Wandtafeln mit Illustrationen einzelner Pflanzenformationen. Dies liegt auch im neuen Format der Arbeiten von Nora Schattauer begründet, da die Künstlerin im Experiment jetzt einen neuen Weg gefunden hat, um sich von der von der Industrie vorgegebenen Größe des Chromatografiepapiers zu lösen. Indem sie auf einen größeren Malkarton eine doppelseitig klebende Folie aufbringt und die Folie mit einem Gemisch aus Kieselerde, Kochsalz und Blutlaugensalz bestreicht, schafft sie sich einen "Malgrund", der im Vergleich zu dem zuvor benutzten Papieren nicht nur größer, sondern auch um ein vielfaches glatter ist. Auf diese präparierte Oberfläche tropft die Künstlerin nun das Kupfersulfat, das mit der Trägersubstanz reagiert und rosarotfarbene Blütenstrukturen in unendlichen Nuancen entstehen lässt. Bis zu einen gewissen Grad gelingt es der Künstlerin, indem sie exakt in den Mittelpunkt des Kreises tropft, die Formation zu kontrollieren, obgleich die flüssigen Materialien auch ein chaotisches Element in sich tragen, das in Kontrollverlust umschlagen kann. Über die Größe und Ausdehnung der Flüssigkeit bestimmt sie die Strukturen, so dass Reihen und Säulen von Blüten entstehen, deren Konturlinien wie auf der großen zweiteiligen Arbeit einander sehr nahe kommen, sich aber dennoch nicht berühren.

Poetische Blütenassoziationen und wissenschaftliche Ausblühungen - die Kombination dieser
Begriffe trägt zugleich auch ein Paradoxon in sich, da ausgehend von den anorganischen Substanzen
der Salze, die Frage nach dem Entstehen thematisiert wird. Das Anorganische ruft das Bild des Organischen auf. Blütenassoziationen und Ausblühungen - im geistigen Jonglieren dieser unterschiedlichen Konzepte ...
der Feinstrukturen der Arbeiten von Nora Schattauer ein "tieferes Sehen".

Text für das Buch "Ausblühungen",
hrsg. vom Kunstverein Cuxhaven, 2004