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Thomas Hirsch
Mit der Nähe, aus der Distanz

Das Werk von Nora Schattauer bewegt sich seit jeher zwischen den Gattungen; wesentlich ereignet es sich im Einlassen auf vermeintlich "unkünstlerische" Stoffe. Mit ihren Eigenschaften und Möglichkeiten konstituieren diese erst die Arbeit, sind weit mehr als Mittel und Maßnahmen. Nora Schattauer arbeitet mit Wachs, dann Kautschuk und seit 1999 mit in Wasser gelösten chemischen Salzen. Diese werden als nahezu farblose Lösung mit der Pipette auf ungeleimtes chromatographisches Papier oder mit Kieselgel beschichtete Bildträger getropft, welche über eine offene Oberfläche verfügen. Die Salze reagieren im Papier: innerhalb eines Prozesses, der "wie von Geisterhand" allmählich stattfindet. Schon dies ist ein Unterschied zu herkömmlichen Verfahren der bildenden Kunst, bei denen das Werk gewissermaßen mit dem Weglegen des Pinsels, des Meißels vorliegt. Indes hat Nora Schattauer den Ablauf der Reaktionen systematisch erforscht und sie handelt entsprechend. Die Anordnungen zeigen Organisation und Chaos, Auflösung und Verdichtung und wechseln zwischen Komposition und Ausschnitt.
In der Nähe zu Naturerfahrungen, im Wachsen, Verschmelzen und Verschließen stellt das Werk der letzten Jahre Beziehungen zu Darstellungen innerhalb der klassischen Literatur her, zum einen zu naturwissenschaftlichen Beschreibungen, zum anderen zu Entwürfen, die von der bildenden Kunst handeln wie Goethes Farbenlehre und Runges Farben-Kugel - Zusammenhänge, die in der Rezeption zu Nora Schattauer verschiedentlich hervorgehoben wurden. Gewiss liegt die Betonung in diesen Quellen auf der Farbe und deren Symbolgehalt; Malerei (der Auftrag von flüssiger Farbmaterie auf einen Bildträger) ist im Grunde ein Vorgehen, diese zum Ausdruck zu bringen, definiert sie weiter im komplementären Zueinander und ihrer Fähigkeit der Mischung. Wäre derartiges nicht auch für die neueren Arbeiten von Nora Schattauer zu konstatieren? So wie sie den wissenschaftlich "historischen" Kontext explizit studiert hat, so ereignet sich der Umgang mit den Parametern von Malerei implizit. Gleichwohl liegt er von Anfang an in ihrem Werk vor und schwingt weiterhin mit.

Zunächst allerdings fand sich eine klare Abgrenzung zu Malerei und Mehrfarbigkeit, Ansätze hierzu haben zu Beginn der neunziger Jahre deren Vermeidung noch forciert. Andererseits resultieren schon aus der Ummantelung von Papier mit Wachs malerische Qualitäten. Im Anschluss an räumliche Erkundungen mit dem dünnwandigen, fragilen Wachs greift Schattauer dies mit Kautschuk erneut auf, welchen sie ab 1993 verwendet. Der Kautschuk liegt von vornherein in flüssigem Zustand vor, er wird mit dem Pinsel aufgetragen. Nora Schattauer hat auf diese Weise plastische Arbeiten realisiert, Gegenstände, Kleidungsstücke und Zeltplanen abgeformt, die labil wirken, aber große Elastizität besitzen. Sie handeln von Anwesenheit und Abwesenheit, Präsenz und purem Hinweis, stellvertretend und doch haptisch, sinnlich. Schattauer hat den Kautschuk aber auch auf Leinwände über einem Keilrahmen gestrichen. Im gleichmäßigen Übereinander, mit jeder neuen Schicht ändert sich der gelblichbraune matte Ton, die Arbeit erhält eine materielle Stofflichkeit und evoziert eine Tiefe nach Innen. Tatsächlich bewegt sich Nora Schattauer mit solchen Arbeiten im Bereich einer essentiellen, Fragen der Monochromie berührenden Malerei, bei der die "Farbe selbst nicht nur Darstellungsmittel, sondern auch Darstellungsgegenstand" ist .
Der per se flüssige Status und der Umgang mit flächigen Bildträgern bleiben auch weiterhin substantiell. In späteren Werkgruppen tropft sie den Kautschuk iterativ auf Glasplatten. Sie hält dabei Abstände ein, die Dynamik und Ordnung, eine Bewegtheit oder eine feldartige Ausbreitung bezeichnen. Natürlich trägt der Vortrag meditative Züge, die den Faktor Zeit thematisieren und im Werk selbst zum Ausdruck kommen. Der Kautschuk steht in glänzenden Tropfen als Linse erhaben auf der durchsichtigen Fläche. Mit geringem Abstand vor der Wandfläche entwickelt sich ein komplexes Geschehen der leuchtenden Formen und ihrer Schatten, das mit den Lichtverhältnissen, dem Standort und Blickpunkt wechselt. Diese Art des Auftrags mag an das beiläufige Dripping eines Paul Klee oder Jackson Pollocks Action-painting hin zu einem All-Over erinnern. Das aktive Element sei zwar zu spüren, aber doch zur Ruhe gekommen, hat Werner Schmalenbach über die Arbeiten der fünfziger Jahre von Sam Francis geschrieben, die sich aus den Rinnsalen fließender Farbe konstituieren: hier wie da ein introvertiertes und "selbsttätiges" Vorgehen, durchaus im Sinne fernöstlicher Kontemplation.
Und im Resultat, dem visuellen Bestand, klingt die regelmäßige Organisation von Farbstrichen an (z.B. bei Niele Toroni oder in Deutschland etwa bei Kuno Gonschior), wobei Nora Schattauer aber ein plastisches Interesse, phänomenologisch partiell in Nähe zu Zero, formuliert. Ebenso evident wie die Nähe zur Malerei tritt die Ferne zu dieser zutage.

Gewiss ist die Arbeit mit Kautschuk dem Vorgang des Malens verwandter als dies bei den mineralischen Salzlösungen überhaupt der Fall sein kann. Allerdings ist da Malerei als Topos im herkömmlichen Verständnis inkommensurabel, vielmehr liegen Analogien in der Wirkung und Wahrnehmung, mithin in der Haltung vor. Ohnehin, die festgelegten Gattungen erweisen sich im heutigen Diskurs, in der Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit aller Mittel als obsolet; Malerei kann sich in plastischen Sachverhalten inaugurieren, Farben werden am Computer generiert, verbleiben virtuell auf seinem Screen oder werden auf die Wand projiziert.
Das Indirekte in der Konstitution der Farben - als Folge der Maßnahmen hin zur Malerei - erweist sich als ein Sonderfall der zeitgenössischen Kunst, der sich ebenso bei Andy Warhol findet wie bei einem anderen "Alchemisten" der Kunst, bei Sigmar Polke. Nora Schattauers Arbeit mit den Mineralsalzen zeigt im Resultat koloristische Aktivität. Sie organisiert dabei eine Fläche, ausgehend von dem zuvor bestimmten Format. Der Auftrag mit der Pipette ähnelt dem Tropfen des Kautschuks, mit den Aspekten des Konzentrierten und Entschleunigten; sie entlässt die Materie als kontrollierte Menge. Die Bedeutung des Auftreffens und der augenblicklichen Berührung wird jedoch in die Vorgänge nach dem Einsickern verlagert. Diese haben irreversiblen Charakter, und sie sind von der jeweiligen Konzentration und der Reaktion mit anderen Tropfenformen bestimmt, erst im Papier stellen sich Farben und Formen ein. Die Formationen selbst kennzeichnet eine Genauigkeit und Konturiertheit, die eher dem Medium der Zeichnung zuzuordnen ist. Andererseits muten etliche dieser Formen im Transparenten und sukzessiv Lichten, in ihrer Organisation und Detailliertheit wie räumliche Erscheinungen beziehungsweise deren photografische Reproduktion an.

Neuere Arbeiten lassen an Kristalle oder hauchfeine Blütenformen denken. Farbe tritt fetzenartig und luzid, in geraffter Schichtung auf. Bei der Serie der "Ausblühungen" nehmen die Farbformen die gesamte Bildfläche ein. Neben zeiligen Konstellationen, in denen die Partien regelmäßig horizontal wie vertikal aufeinander folgen, finden sich versetzte Anordnungen, die ein internes System suggerieren. Im Gegensatz zu den vorausgehenden Arbeiten kommen hier die Lösungen im Papier nicht miteinander in Berührung, hingegen erweitern sie sich gleichmäßig, ausgehend von einem Epizentrum. An den Rändern "fransen" sie nach analogem Muster aus, wechseln dabei fein in ihrer Farbgebung und scheinen geradezu im Entschwinden begriffen. Gegeben sind lavierte Rottöne zwischen Aufhellung und Blaufärbung, wobei sich innerhalb der einzelnen Formation eine große Variabilität entfaltet, welche ebenso Verdichtung wie Auflösung artikuliert. Einzelne Spuren fahren weiter aus, definieren noch eine Aura. Die Formationen sind bewegt gestisch, im Ausgreifenden gar expressiv, innerhalb des Werkes von Nora Schattauer schlagen sie einen neuen Ton an, der gleichwohl Züge des Verhaltenen bewahrt. Mehr denn je liegt die Betonung auf dem Farbfleck, der für sich als solcher, wie infolge eines explosionsartigen Auftreffens, im Papier sitzt. Figur und Grund sind faktisch eins. Dabei besitzen die Arbeiten etwas Analytisches: indem analoge Formationen im Blatt wie auf Schautafeln zueinander positioniert sind. Die Partien sind gleichgewichtig und gleichwertig, eine Lesart ist nicht vorgegeben. Jenseits der Oberfläche sichtbar (und auch von der Blattrückseite her zu betrachten), verweist ihre transparente Erscheinung, ihre Lichthelle weiterhin auf metaphysische Dimensionen, jede Relation von Größe und Kleinheit ist hier aufgehoben. Das lässt dann an einen Künstler wie Mark Rothko denken, der in seinen Bildern Faktur und Duktus ferngehalten und gewissermaßen im Bildträger, mit dessen Stofflichkeit agiert hat. "Präsenz und Diffusion (als Platzhalter von Alterität) halten sich auf geheimnisvolle Weise die Waage", schreibt Gottfried Böhm über Rothkos Bilder (G. Böhm, Hg., München 1994, 342). Nora Schattauers neuere Arbeiten führen Distanz und Unmittelbarkeit zusammen. Vielleicht stellt sich die Assoziation an ein Versinken im Schnee ein. Gegenstandslosigkeit konstituiert hier eine gegenständliche Lesart, als eine Möglichkeit der Annäherung und Erfahrung. Eine andere beträfe den Sachverhalt der Farbe. "Wo entsteht Farbe: im Labor, auf der Leinwand, im Auge, oder in unserem Bewusstsein? Oder: Was vermag Farbe zu bewirken? An welchem Ort? Wo ist sie zu Hause?", vermerkt Wieland Schmied zu Josef Albers und dessen Buch "Interaction of Color", das gewissermaßen u.a. die Forschungen von Goethe und Runge fortsetzt (Kat. Hannover 1973).

Wenn wir bei Nora Schattauers neueren Arbeiten, legitimer Weise und zugleich thetisch, von Malerei sprechen, so wäre dies aus den Traditionen und Kategorien einer meditativen, sich der Oberfläche entziehenden Schilderung von Farb-Form-Strukturen, einer impliziten Räumlichkeit heraus gemeint, in der Prozess und Ausbreitung, Licht und Transzendenz eine eminente Rolle spielen. Das Kalkül der Planung und Erfahrung - als Folge systematischer Versuchsreihen - wird bei Schattauer durch die Subjektivität des Entlassens und des Zulassens bedingt wieder aufgehoben.
Übrigens steht sie selbst jedem definiten Bildbegriff kritisch gegenüber. Nicht sie formuliere ihre Arbeiten, vielmehr entstünden diese aus sich heraus. Eine Darstellungsform, welche die Rolle des Betrachters (als Teilhaber unter wechselnden Bezugssystemen, Wahrnehmungssituationen) nivelliert, negiert sie für ihre Arbeit. Stattdessen betont sie die Analogie zum wissenschaftlichen Forschen und wendet diesen Ansatz auf die verschiedenen künstlerischen Medien an: dezidiert, aber nur relativ vorhersehbar. Nora Schattauers malerische Gesten zwischen Präsenz und Absenz, reich an sinnlicher Schönheit und gelassener Ruhe, berühren unmittelbar. Im konzentrierten, aufmerksamen Abschreiten der Erscheinungen wird der Betrachter des Prozesses der Entstehung gewahr. Er erfährt Wesentliches, Unabsehbares über Farben und visuelle Strukturen, sie sind subtile Hinweise auf die Mannigfaltigkeit und Komplexität schon des Mikrokosmos.

"Ausblühungen" von Nora Schattauer

Nora Schattauers neue Arbeiten führen Distanz und Unmittelbarkeit zusammen. Vielleicht stellt sich die Assoziation an ein Versinken im Schnee ein. Gegenstandslosigkeit konstituiert hier eine gegenständliche Lesart, als eine Möglichkeit der Annäherung und Erfahrung.

Sie lassen an Kristalle oder hauchfeine Blütenformen denken. Farbe tritt fetzenartig und luzid, in geraffter Schichtung auf. Bei der Serie der"Ausblühungen" nehmen die Farbformen die gesamte Bildfläche ein. Neben zeiligen Konstellationen, in denen die Partien regelmäßig horizontal wie vertikal aufeinander folgen, finden sich versetzte Anordnungen, die ein internes System suggerieren.

Nora Schattauers malerische Gesten zwischen Präsenz und Absenz, reich an sinnlicher Schönheit und gelassener Ruhe, berühren unmittelbar. Im konzentrierten, aufmerksamen Abschreiten der Erscheinungen wird der Betrachter des Prozesses der Entstehung gewahr. Er erfährt Wesentliches, Unabsehbares über Farben und visuelle Strukturen, sie sind subtile Hinweise auf die Mannigfaltigkeit und Komplexität schon des Mikrokosmos.

Thomas Hirsch

Text für das Buch "Ausblühungen",
hrsg. vom Kunstverein Cuxhaven, 2004