Bilder
Zeichnungen
DRAW
Fotografien
Editionen
Künstlerbücher
Texte
Publikationen
Biografie
Kontakt | Links
Impressum
Startseite

Wibke von Bonin
Einführung in die Ausstellung von Nora Schattauer

Was wir sehen, ist weder mit dem Pinsel gemalt, noch fotografiert, nicht gezeichnet oder gedruckt, sondern in einem chemischen Prozess entstanden. Ich werde dennoch im Folgenden über "Blüten" oder "Rosetten" sprechen, da ja auch der Titel der letzten Ausstellung der Künstlerin "Ausblühungen" lautet.

Wie also entstehen diese einzigartigen Kunstwerke?
Nora Schattauer geht nach vielen Versuchen und chemischen Experimenten heute wie folgt vor: sie bereitet sich ihre Malgründe, indem sie eine Folie mit einem Gemisch aus Kieselerde und Blutlaugensalz bestreicht. Auf diese präparierte Oberfläche tropft sie nun Kupfersulfat, das mit der Trägersubstanz reagiert und rosarotfarbene Blütenstrukturen in unendlichen Nuancen entstehen lässt. (Stefanie Kreuzer im Katalog Cuxhaven 2004)

Das Ergebnis des chemischen Prozesses kann sie nur bedingt beeinflussen, und so ist das Hantieren mit der Pipette für die Künstlerin voller Überraschungen. Was sie natürlich bestimmen kann, ist die Verteilung der Rosetten auf dem Blatt. Sie hat in den meisten hier ausgestellten Arbeiten eine streng serielle Ordnung gewählt: In Senkrechten und Wagerechten reiht sie die Blüten in gleichem Abstand voneinander auf das Blatt, und sie betitelt ihre Arbeiten auch wie wissenschaftliche Versuchsreihen mit A-B-C... A1, 2, 3, B3, B4 ,B5, 6,7 etc. Wenn sie die Blüten lose über das Bildformat verteilt, bekommt man leicht den Eindruck, dass die Bildfläche beliebig nach allen Seiten weitergehen könnte, dass das uns Sichtbare nur ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang ist und gleichsam als Muster- Rapport ad infinitum wiederholbar wäre. Darin liegt eine gewisse Gefahr für die Individualität des Bildes. Eine Gefahr, die aber durch die Rahmung mit großem Passepartout gebannt wird.

Die Vielfalt der entstehenden Strukturen ist unendlich, und auch die Farben variieren von einer zur anderen. Von der immer auch farblich betonten Tropfmitte ausgehend, bilden sich strahlenförmige Fächerungen nach allen Seiten, die entweder in einem klar umschriebenen Kreis enden oder in verschieden langen Radien, die ausgezackt bis zerfetzt wirken. Die fast dreidimensionale "Knitterung" der Nelken- oder Chrysanthemen- Blütenblättern vergleichbaren Formationen variieren im Tiefenprofil, und an ihren äußeren Kanten fransen sie unterschiedlich stark aus.

Es ist eins der Merkmale zeitgenössischer Kunst, dass sie vom Betrachter Mithilfe zu ihrer Vollendung verlangt. Das Nachdenken über den Prozess der Entstehung eines Kunstwerkes bildet sicher schon einen Teil dieser Integrationsaktivität. Dennoch lässt uns Nora Schattauer nicht allzu viel Freiheit. Man kann sich vor allem an der Vielfalt dessen satt sehen, was sie in geduldigem Versuchen und Verwerfen entstehen lässt, und man kann sich freuen an der Entdeckung der Variationsbreite der Natur in ihren gelenkten schöpferischen Prozessen.

Diese Freude an den Formen der Natur hat ganz offensichtlich auch ein großer Naturwissenschaftler gehabt, dessen Werk mir in einer nicht ganz zufälligen Fügung bei der Vorbereitung dieser Ausstellung in die Hand fiel: Ernst Haeckel hat Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Buch Kunstformen der Natur mit der typischen Akribie und Forscher-Geduld des 19. Jahrhunderts auf vielen Vergleichstafeln Abbildungen nie gesehener, wunderbar ästhetischer Funde aus der organischen wie anorganischen Welt zusammengetragen. Mikrokosmos wie Makrokosmos boten dem Entdecker überaus schöne, oft symmetrisch strukturierte Formen an, die er in teilweise kolorierten Stichen veröffentlicht hat.
Hier hat ein Naturforscher gezeigt, was er mit Kunst-geschultem Blick entdeckt hat, gleichsam künstlerische Ready-mades der Natur, die er ob ihrer Schönheit und Fremdheit als Schätze zusammentrug wie die Fürsten früherer Zeiten Kuriosa in Kunst- und Wunderkammern.

Nora Schattauer ist einen Schritt weitergegangen und hat sich die Rezepte der Natur zunutze gemacht und mit ihrer Hilfe Gebilde entstehen lassen, deren ästhetische Gestalt wir heute als Kunst begreifen: Kunst mit den Mitteln der Natur.

Ich habe vorhin gesagt, dass der Betrachter Anteil an der Entstehung des Kunstwerks hat, und ich möchte präzisieren, dass dieser Anteil auch im Erkennen des Künstlerischen bestehen kann. In unseren Zusammenhang von Kunst und Natur fügt sich eine Reflexion Schopenhauers, der in seiner "Metaphysik des Schönen" im 7. Kapitel (Vom Zweck des Kunstwerks) schreibt:

"Das ästhetische Wohlgefallen ist wesentlich ein und dasselbe, es mag durch ein Werk der Kunst hervorgerufen sein oder unmittelbar durch die Anschauung der Natur und des Lebens. Das Kunstwerk ist bloß ein Erleichterungsmittel derjenigen Erkenntnis, in welcher jenes Wohlgefallen besteht.
Die Idee tritt uns leichter entgegen aus dem Kunstwerk als unmittelbar aus der Natur… dies kommt großenteils daher, dass der Künstler sie ausgesondert hat aus der Wirklichkeit, mit Auslassung aller störenden Zufälligkeiten. Der Künstler lässt uns durch seine Augen in die Welt blicken, und so werden wir durch seine Vermittlung der Erkenntnis der Ideen teilhaft. Dass er diese Augen hat, dass ihm sich das Wesentliche der Dinge aufschließt… das eben ist die Gabe des Genies, das Angeborene. Dass er aber im Stande ist, auch uns diese Gabe zu leihen, uns gleichsam seine Augen aufzusetzen: dies ist das Erworbene, das Technische der Kunst."

Angesichts der Arbeiten von Nora Schattauer haben wir hinzuzufügen, dass hier die Gedanken zu sichtbaren Gebilden kristallisieren und dass die anhaltende Anschauung bei ihr eher im prüfenden Blick auf chemische Versuchsreihen besteht. Doch was dabei heraus kommt ist die geniale Eroberung einer visuellen Nische, in der Natur, Kunst und Technik sich aufs Glücklichste verbinden und die allerschönsten Blüten hervorbringen, die neben Haeckels Funden so gut bestehen wie neben gemalten, fotografierten oder sonstigen Artefakten, die wir in großzügiger Übereinkunft als Kunstwerke bezeichnen.
Nora Schattauers zarte Gebilde sind schön und werden immer schöner, wenn man sich ihnen in Ruhe widmet.

Einführungs-Rede zur Ausstellung im Kunstraum Chelsea,
Köln am 09.09.2004