Gérard G. Goodrow
Dem Gras beim Wachsen zuschauen
Einige Anmerkungen zu Nora Schattauer's visuellen Experimenten

Zu den vielen Dingen, die ich von Nora Schattauer über die Jahre unserer Freundschaft gelernt habe, gehört, dass die Kunst weniger mit formaler Ästhetik oder dem Schaffen von etwas Neuem zu tun hat als mit der Betrachtung der geheimnisvollen Schönheit der Natur und - was noch viel wichtiger ist - der Vernetzung der Welt, die uns umgibt. Für Schattauer ist Kunst weniger ein Produkt, eher ein Prozess. Ein Künstler zu sein heißt nicht allein das Schaffen von Bildern oder Objekten, sondern sich die Zeit zu nehmen, den Prozess des bewußten Fokussierens zu erleben und dadurch die eigene Konzentration und Aufmerksamkeit zu erhöhen. Für Schattauer, die von Natur aus ein sanfter, mit Bedacht sprechender und höchst emphatischer Mensch ist, bedeutet dieser innere Prozeß viel. Damit sei nicht gesagt, dass ihre Bilder reine Illustrationen eines Konzeptes oder einer Idee seien. Im Gegenteil, ihre Arbeiten sind sowohl Indiz dieser Kontemplation als auch Prozesse an und für sich. Sie verändern, entwickeln und entfalten sich weiter, auch wenn ihre eigene künstlerische Arbeit abgeschlossen ist. Der kreative Prozess ist daher kontinuierlich und auf keinen Fall auf den Schaffungsvorgang im Atelier begrenzt. Letztendlich geht es in Schattauer's Werk um das Bewußtsein, d.h. um die Aufmerksamkeit. So gesehen ist das Kunstwerk selbst weniger ein Objekt dieser Aufmerksamkeit als die subjektive Erfahrung dieser.

In gewisser Weise ist diese Art der Kunstproduktion, die der amerikanische Künstler und Autor Allan Kaprow "Lifelike Art" (lebensnahe Kunst) nennt, natürlich auch therapeutisch, da sie es sich zum Ziel gesetzt hat, "die ausschnitthafte Realität, die wir als selbstverständlich betrachten, zu einem Ganzen zusammenzufassen. Nicht nur auf einer intellektuellen Ebene, sondern unmittelbar als Erfahrung - in diesem Augenblick, in diesem Haus, an diesem Spülbecken." (aus: "The Real Experiment", Artforum, 22, Nr. 4, Dezember 1983) Schattauer beschreibt etwas sehr ähnliches, wenn sie sagt:
"Ich möchte mich hineinspüren bis in die Verzweigungen, mit Augen und Geist eindringen in das, was dann mein Territorium werden kann. Ich habe Dürers Rasenstück vor Augen. Nicht die Wiese überschauen, nicht das Große und Ganze. Ich ziehe den Ausschnitt vor, darin das Detail, Halm für Halm, und die Genauigkeit. Das bedeutet: mich auskennen in einem Teil der Welt." (aus Nora Schattauer - "Salts", Nazraeli Press 2000)

Wenn ich über Schattauer's Arbeiten mit Salzen und Sulfaten nachdenke, werde ich immer wieder an Yves Klein's "Kosmogonien" der späten fünfziger Jahre erinnert. Um diese kaum bekannte, aber besonders bemerkenswerte Gruppe von Arbeiten zu kreieren, setzte der französische Künstler pigmentbedecktes Papier oder Leinwand den Elementen aus und verzeichnete so die Folgen von Regen und anderen Naturphänomenen als großartige und rätselhafte abstrakte Kompositionen. So erlaubte er der Natur, ein Porträt ihrer selbst zu malen:
die Bilder malten sich geradezu selbst, mit geringem Zutun des Künstlers. In vielerlei Hinsicht sind Nora Schattauer's auf chemischen Reaktionen basierende Bilder - entstanden durch das Auftragen von kleinen, fast unsichtbaren Tropfen klarer Salzlösungen mittels einer Pipette auf Löschpapier oder andere präparierte Oberflächen - Kleins "Kosmogonien" sehr verwandt. Die Lösungen agieren und reagieren miteinander, um eine kraftvolle, abstrakte Komposition zu schaffen, die an Zellstrukturen und andere organische und biochemische Strukturen denken lässt.

Schattauer's Forschungs- und Arbeitsmethoden sind am deutlichsten in ihrer jüngsten Publikation Bildlabor (herausgegeben von Erhard Klein für den Salon Verlag, Köln 2002) zu erkennen, einem Künstlerbuch mit Bildern ihrer eigenen Arbeiten neben Fotografien und Illustrationen von Pflanzen, Blütenstaub, Zellen, Insektenflügeln und sogar Schneeflocken. Hier zeigt sich, dass ihre kreativen Einflüsse aus den unterschiedlichsten Quellen stammen - von der Naturwissenschaft bis hin zur Chaos-Forschung. Es handelt sich letztendlich um gegenseitige Verbindungen aller Art. Dieses Konzept bildet auch den Kern der Chaos-Forschung, die sich verpflichtet hat, die innewohnenden Beziehungen zwischen scheinbar unregelmäßigen Formen zu erklären, die so unterschiedlich sind wie Zellen- und Molekularstrukturen, Schneeflocken und Blütenstaub, Küstenlinien und Felsgesteine, Galaxien und Sternenkonstellationen.

Schattauer verwandelt den Begriff des Kunstwerks von einem Ziel zu einem Mittel. Ihr Arbeiten an einem Bild ist daher nur ein kleiner Teil der Lebensspanne dieser Arbeit. Der Prozess, durch den es erschaffen wird, ist eher der Anfang und eigentlich gibt es gar kein Ende. Bei ihren Salzarbeiten und den Kautschukserien läuft der Schaffungsprozess weiter. Die Materialien können im Laufe der Zeit je nach Lichtintensität und den Einflüssen der Raumfeuchte weiter reagieren. Farben verändern sich und werden intensiver.
Bisher unsichtbare Formen zeichnen sich langsam ab. Das Bild ist nicht Abbild einer chemischen Reaktion, eher die Reaktion selbst.

Wiederum fühle ich mich an Yves Klein erinnert und an seinen Begriff der "Sensibilität". Es war sein Wunsch, dass die Betrachter seiner enigmatischen, monochrom blauen Bilder von der Sensibilität dieser intensiven und reinen Farbe durchdrungen würden. In Schattauer's eigener Beschäftigung mit der Sensibilität wird der Akt des Darstellens in einen Prozess der Aufmerksamkeit verwandelt - einen Prozess, in den wir ebenso als Betrachter involviert sind. Sie arbeitet in einem Bereich, der irgendwo zwischen wissenschaftlicher Objektivität und intuitiver Subjektivität liegt.
Ihre Arbeiten nähren sich aus den unterschiedlichsten Quellen, sei es Johann Wolfgang von Goethe, Friedlieb Ferdinand Runge, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Zen Buddhismus, Chaos-Forschung, Botanik oder Biochemie. Wenn sie über ihre eigene Kunst spricht, redet Nora Schattauer über "Stille", "Kontemplation", "Empathie", "Wahlverwandtschaften". Ihre Arbeiten sind in unterschiedlicher Weise ein Loslassen, ein die-Kunst-sich-selbst-schaffen-lassen, ein Untersuchen von Beziehungen und ein Entdecken verborgener Verbindungen.

Gérard A. Goodrow

Text für die "Kölner Skizzen" 2003
übersetzt aus dem Amerikanischen von Marcel Krenz