Bilder
Zeichnungen
DRAW
Fotografien
Editionen
Künstlerbücher
Texte
Publikationen
Biografie
Kontakt | Links
Impressum
Startseite

Elke Gruhn
Nora Schattauer
Ausstellung im Kunstverein Wiesbaden 2001

"Die Welt muss romantisirt werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. (...) Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisire ich es - Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche - dies wird durch Verknüpfung logarythmisiert - es bekommt einen geläufigen Ausdruck." (Novalis Vorarbeiten 1798)

Kreisförmig, manchmal zur Eiform auswachsend, umschrieben von einer zarten Membran, entwickeln sich die mit einer Pipette auf das genaueste portionierten wässrigen Salzlösungen auf dem Filterpapier zu farbigen Gebilden, die an Zellen und Zellteilung, Bilder wie unter dem Mikroskop erinnern. Nora Schattauer bewegt sich im "Spannungsfeld" zwischen Naturwissenschaft und Kunst, einer Topografie auf der bereits Goethe und Beuys intensiv forschten.
Ausdauernd, ihrem wissenschaftlichen Experiment folgend, werden die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Tinkturen von der Künstlerin untersucht: "Wo es Berührungen gibt, regt sich an der Nahtstelle der zwei Substanzen etwas, es gibt eine Reaktion aufeinander. Im Zusammenspiel werden sie lebendig. Es findet eine Umwandlung durch Kontakt statt. Wie in Beziehungen entwickeln sich Strukturen von Einfluss, Durchsetzung und Veränderung." Mit der metaphorischen Übertragung zwischenmenschlicher Verhaltensmuster auf das naturwissenschaftlich Beobachtete knüpft sie an Goethes "`Wahlverwandtschaften , als ein Gleichnis über Anziehung, Abstoßung und Verwandlung" an, gleichzeitig aber auch an die Alchemie, deren Betrachtungsfokus auf "Analogien zwischen Vorgängen der Seele und Prozessen der Materie" gerichtet ist.
Thema der Künstlerin ist die Erforschung von "Ursprung und Entwicklung von Materie", Ziel dabei ist, wie in der Alchemie, nicht ausschließlich das Produkt, sondern der Weg, der zum Zellkern dieses Wissens führt.

Auf Ga far und Paracelsus System der Tria Principia aufbauend, lassen sich alle geschaffenen Dinge auf drei Pfeiler (Arkane) zurückführen: das Salz (Körper) als Grundlage aller Formgebung und Vermittler zwischen Sulfur (Seele) und Merkur (Geist). In der Seperatio, der ersten Stufe der drei Grundprinzipien der Alchemie (Frater Albertus) wird der Urstoff in die drei Prinzipien Sulfur, Merkur und Sal getrennt, um dann in den folgenden Stufen gereinigt (Purificatio) und schließlich neu zusammengeführt (Cohabatio) zu werden.

Wenn Nora Schattauer von ihren Arbeiten sagt "die Zeichnung wohnt selbst wie ein Körper im Papier...", so benutzt sie intuitiv die Sprache der Alchemisten.
Die "Farbe", das Salz, der Körper wird zum Bestandteil des weißen Papiers, wobei Weiß in der Alchemie symbolisch für die 2.Stufe, der Purificatio steht. Das Pigment liegt nicht wie beim Aquarell auf der Oberfläche des Papiers auf, sondern im Weiß entfalten sich das blau und grün des "Pfauenschwanzes", so bezeichnen die Alchemisten die Farbänderungen während des großen Werkes, der Suche nach dem Stein der Weisen.

Die Künstlerin arbeitet zwischen den zwei Polen der steuernden Beherrschung und des akzeptierenden Entstehenlassens. Sie schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb derer ein Bild sich entwickelt und schließlich zur Ruhe kommt. Unberechenbare Unterschiede in der Entwicklung ergeben sich abhängig von äußeren Umständen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lichteinfluss. Die Prozesse der Bildwerdung laufen deshalb teilweise autonom ab, den Gesetzen der Chaostheorie folgend .
Die langsamen, zyklischen, kreis- und eiförmigen Ausdehnungen der Salztropfen, auf dem Papier poetisch als "Blaue Blumen" zweidimensional sichtbar, widersprechen dem linearen Zeitverständnis des Westens. Vielmehr erinnern sie an die heilige Form des Kreises in östlichen Theorien und dem damit verbundenen Verständnis von Ewigkeit.
In Nahsicht, (Zeit-) Lupen oder mikroskopischer Vergrößerung lenkt die Künstlerin den Blick auf das Detail, "ich spüre in mich hinein bis in die Verzweigungen, dringe mit Augen und Geist ein in das, was dann mein Territorium wird. Ich denke an Dürers Rasenstück. Nicht die Wiese in Augenschein nehmen, weniger das Große und Ganze. Ich schätze den Ausschnitt, darin das Detail, Halm für Halm, und die Genauigkeit. Das bedeutet: mich auskennen in einem Teil von Welt."

Elke Gruhn

slow motion - Perspektiven des Langsamen.
Katalog zur Ausstellung im Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
21.10.-2.12.2001